Kurzes #80 – Das Ende oder vielleicht doch erst der Anfang?

von
Armin A. Alexander

Fortsetzung von »Marlies redet ihm ins Gewissen«, »Erneutes Rendezvous mit der schönen Unbekannten«, »Nachklang«, »Das geheimnisvolle Rendezvous«, »Marlies« und »Zwölf erotische Aquarelle«.

 

Anfänglich war er zwar ein wenig überrascht, aber dachte sich erstaunlicherweise nicht wirklich viel dabei, als nach der üblichen Woche, die zwischen ihren Rendezvous’ verstrich, der gewohnte Umschlag mit den Schlüsseln nicht in seinem Briefkasten lag. Er versuchte sich mit der Erklärung zu beruhigen, daß ihr etwas Unvorhersehbares dazwischen gekommen sein mußte. Er vertröstete sich auf den morgigen Tag und versuchte nicht unruhig zu werden, was ihm nicht vollständig gelang. Doch auch am nächsten Tag erhielt er keine Nachricht von IHR, ebensowenig wie am darauffolgenden. Langsam aber stetig stieg seine innere Unruhe und wurden seine Befürchtungen größer, daß sie ernstlich erkrankt sein könnte, oder vielleicht sogar schlimmeres, was er vermied, sich vorzustellen. Er versuchte sich damit zu beruhigen, daß wirklich schwerwiegende Ereignisse den wenigsten Menschen zu stoßen. Noch vermied er es, Marlies davon in Kenntnis zu setzen. Er fürchtete, daß sie auf eine, für ihn höchst unangenehme Weise, die entsprechenden Schlüsse ziehen könnte.

Als eine weitere Woche vorüber war, war aus der Unruhe Angst geworden, Angst, sie nicht mehr wiederzusehen, aus welchen Gründen auch immer. Unruhig wälzte er sich des Nachts im Bett herum und schlief erst im Morgengrauen vor Erschöpfung ein und erwachte oft genug in Schweiß gebadet. Seine Alpträume, waren reichlich wirr, so daß er sich beim Aufwachen kaum noch an die Inhalte erinnern konnte. Die Ängste, sie verloren zu haben, waren nun keine Einbildung mehr. Es war ein Gefühl von Ohnmacht, denn er konnte nichts unternehmen, um sie zu halten. Er wußte ja nicht wer sie war. Er konnte sie zwar beschreiben, besaß die Aquarelle. Aber er kannte ihren Namen, ihr Gesicht nicht. Auf den Aquarellen war es ja nicht erkennbar und die Maske, das Halbdunkel hatten es verhindert. Allein ihre überdurchschnittliche Größe, ihre feminine Figur und das taillenlange Haar waren verräterisch und natürlich das Muttermal außen auf der linken Brust, das er jedoch nur auf den Aquarellen hatte sehen können, da sie stets angezogen geblieben war. Grundlos hatte sie es sicherlich nicht so auffällig auf den Aquarellen plaziert. Doch konnte er nicht allen Frauen, die ihr von der Statur her ähnlich waren und denen er auf der Straße oder anderswo begegnete, hinterherlaufen und sie fragen, ob sie für ihn die linke Brust entblößen würden, damit er nachprüfen könne, ob sie dort ein kleines ovales Muttermal besäßen. In den zurückliegenden Wochen hatte er sich ohnehin schon bei jeder Frau mit langen dunkeln Haaren, die überdurchschnittlich groß war und ungefähr den Körperbau der schönen Unbekannten besaß, die ihm auf der Straße begegnet war, gefragt, ob sie mit dieser identisch sein könnte. Er war überrascht, wie viele es von ihnen gab, doch bei näherem Hinsehen, bestand bei keiner von Ihnen auch nur annähernd die Möglichkeit, daß sie mit seiner schönen Unbekannten identisch sein könnten.

Noch vor Ende der zweiten Woche des erfolglosen Wartens auf eine Nachricht von IHR, begab er sich zu dem Haus in der Alten Bergstraße. Vielleicht gelang es ihm dort, einen Anhaltspunkt zu finden, der ihm womöglich half, sie ausfindig zu machen. Es war ein trüber Tag, einer dieser, die zwischen Regenwetter und halbwegs sonnigem Sommertag unschlüssig hin und her zu pendeln schienen.

Bereits von weitem sah er den Transporter einer Malerfirma vor dem Haus stehen. Die Haustür stand offen. Selbstverständlich konnte irgendwer im Haus renovieren lassen. Aber seine Ahnung, die ihm einen schmerzlichen Stich versetzte, sagte ihm, daß es jene Wohnung sei.

Mit zitternden Knien stieg er die Treppen hinauf. Auf jeder Etage hoffte er, daß die Malerfirma hier tätig war, doch nichts deutete darauf hin.

Die Ahnung wurde zur Gewißheit, als er die Etage, in der die Wohnung lag, erreicht hatte. Deren Tür stand offen, ein Radio war auf einen beliebten lokalen Sender eingestellt. Der Geruch nach frischem Kleister und Wandfarbe strömte ihm entgegen. Er betrat die Wohnung.

Zum ersten Mal sah er die Räume im Tageslicht, ohne Möbel und mit geweißten Wänden. Es war eine Wohnung wie jede andere, austauschbar. Nichts erinnerte an die Zusammenkünfte mit der schönen Unbekannten.

Im Schlafzimmer stand ein kräftiger junger Mann auf einer Leiter und strich die Decke.

Die Wohnung sei leider schon vermietet, erklärte dieser sogleich, ehe er etwas sagen konnte. Er hielt ihn eindeutig für einen Interessenten. An wen wisse er nicht. Er habe nur den Auftrag, sie zu renovieren. Das wäre auch gut so, denn sie hätte mehr als ein halbes Jahr leergestanden, was eine Schande sei, bei einer so schönen Wohnung, so nahe am Zentrum und doch so ruhig gelegen, und wo es heutzutage so schwer wäre, eine freie Wohnung in der Stadt zu finden.

Er sagte den Handwerker nicht, daß die Wohnung bis vor nicht einmal zwei Wochen noch nicht leergestanden hatte, schließlich war er annähernd zwei Monate regelmäßig hier gewesen. Wie konnte die Wohnung dann unbewohnt gewesen sein? Und doch, er hatte ja nie den Eindruck gehabt, daß hier jemand außer an ihren Tagen wohnte.

Er erwiderte lediglich, daß man da halt nichts machen könne und wünschte dem Mann auf der Leiter einen guten Tag. Dieser achtete schon nicht mehr auf ihn und ging weiter seiner Arbeit nach.

Enttäuscht und noch mehr verwirrt ging er die Treppe hinunter.

Er ging in den nahegelegenen Park und setzte sich auf eine Bank. Er wollte jetzt nicht in seine Wohnung zurück. Er dachte nur schwermütig an seine verlorene schöne Unbekannte, hing seinem schmerzvollen Verlust nach. Ein beginnender Nieselregen trieb ihn schließlich nach Hause zurück.

Kaum war er zurück, besuchte Marlies ihn unangekündigt, wie es ihre Art war. Sie habe das Gefühl, daß er sie brauchen könne, sagte sie zur Begrüßung und seine Mimik bestätigte ihre Vermutung. Er hielt sie lange und schutzsuchend umarmt. Sie ließ ihn gewähren. Hier war die ›alte‹ vertraute Freundin gefragt.

»Seit einem Monat hast du nichts mehr von ihr gehört«, Marlies schien sich nicht zu wundern, nachdem er ihr vom Besuch der Wohnung erzählt hatte.

Er nickte reichlich niedergeschlagen.

»Schade, aber genaugenommen konnte es gar nicht anders enden«, seufzte sie wehmütig. »Du hast ein Glück, leidenschaftlicher Sex mit einer schönen Unbekannten bis zur physischen Erschöpfung. Wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich sagen, du hast die Geschichte erfunden und die Aquarelle selbst gemalt, nur daß du nachweislich nicht annähernd so gut aquarellieren kannst. – Was machst du jetzt mit den Bildern?«

»Was wohl? Sie aufbewahren. Aber ich weiß nicht, ob ein solches Erlebnis wirklich so angenehm ist. Ich kann jetzt keiner großen schönen Frau mit taillenlangem dunklem Haar mehr begegnen, ohne mich zu fragen, ob sie es ist, ohne darauf zu achten, ob sie mich etwa erkennt, sich durch eine Geste verrät.«

»Du hast dich rettungslos in sie verliebt, aber das war mir gleich zu Anfang bewußt«, meinte Marlies mit tiefer innerer Zufriedenheit.

»Vermutlich hast du recht.«

»Nicht nur vermutlich, sondern ganz bestimmt. – Hast du wenigstens daran gedacht, den Maler nach dem Makler oder dem Eigentümer der Wohnung beziehungsweise des Hauses zu fragen? Ich vermute einmal nicht, so wie ich dich kenne. Irgendwoher muß sie schließlich die Schlüssel zu der Wohnung gehabt haben. Das wäre zumindest ein Anhaltspunkt. Vielleicht erfahren wir dadurch mehr. Mit ein bißchen Psychologie müßten wir Auskunft bekommen. Wenn es dir lieber ist, kümmere ich mich darum.«

»Und wenn wir auf diese Weise nichts erreichen?« Seine Zuversicht war ganz schön am Boden, wie Marlies feststellen mußte.

»Dann haben wir letztlich noch ihre Kunst. Das ist dein weiterer Anhaltspunkt. Dir wird nichts anderes übrigbleiben, als alle Ausstellungen, alle Vernissagen zu besuchen, die Tage der offenen Ateliers zu nutzen und deine Künstlerfreunde um Hinweise bitten. Alle Arbeiten, die du siehst, sozusagen einer stilkritischen Analyse zu unterziehen. Und hoffen, daß sie in der Stadt oder zumindest in der näheren Umgebung künstlerisch aktiv ist.«

»Weißt du, wie viele Künstlerinnen es allein in unserer Stadt gibt?«

»Ja, denn ich beschäftige mich rein zufällig beruflich mit Kunst, falls dir das aus dem Gedächtnis entfallen sein sollte«, sagte sie bissig. »Wie gesagt, sie wird und muß mit diesem Stil nicht in der Kunst Furore machen oder machen wollen. Sie braucht auch gar nicht für die Öffentlichkeit zu aquarellieren, sie kann die Malerei mit Öl und Arcyl bevorzugen, sie kann aber auch Bildhauerin sein. Vielleicht sogar am ehesten, denn ihre Arbeiten bezeugen eine sehr gute räumliche Auffassung und exzellente anatomische Kenntnisse, wie sie für Bildhauer typischer sind als für Maler.«

»Sie besitzt relativ weiche Hände«, warf er ein, obwohl das kaum ein Argument dagegen war.

»Sie kann modellieren, muß nicht in Stein arbeiten. Es gibt vieles, was möglich ist. Wenn du es wirklich willst, findest du sie auch. Es kann lediglich seine Zeit brauchen.«

»Du kannst einem Mut machen«, sagte er in einem erneuten Anflug von Selbstmitleid. »Aber dann hätte sie etwas sagen sollen.«

»Sie hat die ganze Zeit sehr viel gesagt, mit ihren Aquarellen, mit ihren Briefen und besonders mit ihrem Körper. Ich fürchte, du hast nur wie gewöhnlich nicht richtig zugehört. Jetzt zwingt sie dich dazu, etwas zu sagen. Hast du ihr nichts zu sagen, wird sie das als durchaus angenehme Episode zu den Akten legen, in die sie zwar einiges an Zeit und Arbeit investiert hat, aber dennoch nicht soviel, daß es in keinem Verhältnis zum Ergebnis gestanden hätte. Mitunter muß eine Frau mit dir so verfahren. Frauen sind nicht die duldsamen Lämmer, die ehrfurchtsvoll verharren, bis der Mann sich bequemt, sich ihnen zu eröffnen, als die sie das Patriarchat gerne sehen würde und sieht.«

Der Zweifel verschwand nicht aus seinem Blick. Er antwortete aber nicht, weil er nicht wußte, was er sagen sollte.

»Du bist selbst Künstler, schreibst über Kunst, kennst das Milieu, hast genug Künstlerfreunde, kennst Kunsthistoriker, Galeristen, Kunstkritiker. Nimm diese Aquarelle, natürlich nur die unverfänglichen, die man getrost anderen zeigen kann, deren Beruf die Kunst ist, und höre dich um, immer vorausgesetzt, wir erfahren über den Makler oder den Besitzer der Wohnung nichts Brauchbares, was ich jetzt nicht annehme, aber man weiß ja nie. Vielleicht dauert es, vielleicht kommst du bald zum Ziel. Wenn sie sich finden lassen will, wirst du sie auch finden. Ich bin mir sicher, daß sie sich von dir finden lassen will. Aber sie wird es dir in keiner Weise leicht machen, schließlich hat sie dir die leichte Variante über eineinhalb Monate angeboten. – Schmolle nicht wie ein trotziger Schüler, dem seine erste Freundin den Laufpaß gegeben hat, weil er sich allzu linkisch angestellt hat. Du bist zu beneiden, nicht zu bedauern! Die Frage ist vielmehr, ob du es verdienst, daß man um dich einen solchen Wirbel macht. Ich jedenfalls finde es herrlich, eine solche Liebesgeschichte mitzuerleben. Ich werde dich auf deiner Suche begleiten um dich ein wenig vor dir selbst zu schützen. Du hast schon zuviel Fettnäpfchen auf deinem Weg getroffen. Das mache ich aus reinem Eigennutz, da ich es nicht verhindern kann, daß du andernfalls deinen Kummer bei mir ablädst. Das selbstlose, fürsorgliche, mütterliche, für so gut wie alles verständliche Frauchen liegt mir nicht, das weißt du.«

Er unterdrückte mühsam einen Seufzer. Leider hatte sie nur zu Recht, sie kannte ihn einfach zu gut. Dennoch tröstete sie ihn mit diesen Worten mehr als mit jeder Form von Verständnis, schließlich eröffnete sie eine Perspektive.

Er besaß das Gefühl, daß die eigentliche Geschichte erst jetzt begann.

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