Kurzes #40 – Der Rekonvaleszent

von
Armin A. Alexander

Der folgende Text ist die Fortsetzung von »Der Gipsfuß«

 

Die folgende Nacht schlief er besser. Im Grunde gab es für ihn kein Anlaß zum Klagen. Ihm fehlte es an nichts. Maria kümmerte sich fast schon mütterlich rührend um ihn. Bernd war kaum weniger aufmerksam, im Gegenzug war er aber auch gezwungen, sich anzuhören, wie trostlos das Abendessen mit Kathrins Kollegin und deren Mann verlaufen war. In ihm sah Bernd wieder einmal seine Vorurteile über Manager im allgemeinen und im besonderen bestätigt. Für Bernd schien es unverständlich, daß eine dermaßen attraktive und mindestens zehn Jahre jüngere Frau, einen derart furztrockenen Typen überhaupt hatte nehmen können. Zudem sei er, was Kunst betraf, ein Banause, der einen Rubens nicht von einem Beuys unterscheiden könne. Wie könne man überhaupt nichts von Kunst verstehen, wenn man mit einer Kunstwissenschaftlerin verheiratet sei!

Rolf verkniff sich der alten Freundschaft wegen und weil Bernd gestern seinen Sessel so bereitwillig unters Fenster gerückt hatte, zu sagen, daß Kathrin in etwas gemäßigter Form und mit einem lachenden Auge das auch über ihren Bernd sagte. Bernd war, hatte er sich einmal an einem Thema festgebissen, nur schwer wieder davon abzubringen, ganz gleich wie seine Umgebung dazu stand.

Darüber hinaus verbrachte Rolf den Tag mit Lesen oder saß einfach nur entspannt im Sessel, den verletzten Fuß hochgelegt, und ließ die Gedanken schweifen, wobei er immer wieder kurz einnickte.

Die ersten Tage seiner Rekonvaleszenz vergingen wie im Flug. Er hatte sich in einen den Umständen angepaßten Tagesrhythmus hineingefunden. Er stand spät auf, schlief aber auch spät ein. Zum einen benötigte er einige Zeit, bis er den Gipsfuß so im Bett positioniert hatte, daß er einigermaßen ruhig schlafen konnte, und zum anderen macht die Bewegungslosigkeit zu der er verurteilt war, zwar träge aber nicht wirklich müde.

Nach einem frugalen späten Frühstück – er hatte morgens noch nie viel gegessen –, humpelte er am Krückstock ins Wohnzimmer und richtete sich in seinem Sessel ein, den er eigentlich nur verließ, wenn ihn die Natur dazu zwang, oder er einfach nicht mehr sitzen konnte und ein wenig Bewegung brauchte. Den Frühstückstisch ließ er unabgeräumt, das würde Maria erledigen.

Es war ihm zwar zuwider, daß ein anderer seine Essensreste wegräumte, aber er verspürte noch weniger Lust, sich von ihr eine Standpauke anzuhören, wenn er es dennoch tat. Sie vertrat die Auffassung, daß er seinen Fuß damit nur einer unzumutbaren Belastung aussetzte.

Als er an diesem Vormittag das Wohnzimmer betrat, hörte er von draußen leise Radiomusik hereindringen. Zuerst dachte er sich nichts dabei. Mitunter ließen Nachbarn das Radio bei offenem Fenster spielen. Es waren warme Tage, warum also sollte man nicht die Fenster weit geöffnet haben?

Er machte es sich auf seinem Rekonvaleszentenlager gemütlich und widmete sich der Lektüre, die er gestern zum Schlafengehen unterbrochen hatte. Bald achtete er nicht mehr auf das Radio.

Als er vom Lesen eine Pause einlegte und gedankenverloren zum Fenster hinausblickte, sah er, daß die Fenster der gegenüberliegenden Wohnung geöffnet waren. Dort war auch die Quelle der Radiomusik. Ein Handwerker entfernte alte Tapete von den Schlafzimmerwänden.

Demnach hatte die Wohnung einen neuen Mieter gefunden.

Unter anderen Umständen hätte das er nur am Rande interessiert, jedoch war er zur Zeit für jede Abwechslung dankbar. Nicht daß er des Lesens bereits überdrüssig war, dafür las er einfach zu gerne, aber er bestimmte gerne selbst die Zeit, wann er sich mit einem Stapel Bücher in Klausur begab.

Er sah dem Mann eine Weile zu, wie er mit nahezu stoischem Gleichmut die alte Tapete zügig von der Wand entfernte.

Mit wieviel Aufmerksamkeit jemand doch einer derart monotonen Tätigkeit zusehen kann, wenn sie etwas Abwechslung in den eigenen, noch monotoneren Tagesablauf bringt. Hätte Maria nicht an seiner Tür geklingelt, hätte er dem Handwerker vermutlich noch länger zugesehen.

Er erhob sich ein wenig steif aus seinem Sessel und humpelte zur Tür.

Wäre es nach ihr gegangen, hätte sie ihren eigenen Schlüssel. Das wäre zwar bequemer für ihn gewesen, aber er hatte entschieden etwas dagegen, überrascht zu werden, selbst von einer derart alten und guten Freundin wie ihr.

»Du weißt, daß du den Fuß möglichst ruhig halten sollst«, mahnte sie ihn, während sie den Einkauf für ihn in die Küche brachte.

Er überging ihren tadelnden Blick geflissentlich. Er hatte noch nie besondere Lust verspürt, sich über Kleinigkeiten zu streiten, mit wem auch immer und mit ihr schon gar nicht.

»Ab und zu soll ich mich bewegen, hat der Arzt gesagt«, konterte er.

Sie antwortete mit einer Handbewegung, die wenig schmeichelhaft für den ärztlichen Berufsstand war.

Er sah ihr zu, wie sie den Küchentisch von den Resten seines Frühstücks befreite. Dabei betrachtete er ein wenig wehmütig ihre schöne Rückfront, wie der enge beige Lederrock sich über ihren ein wenig zu breiten aber festen Hintern spannte und ließ den Blick an ihren Beinen hinunterwandern. Die Naht ihrer hautfarbenen Nylons saß wie nicht anders bei ihr zu erwarten wie mit dem Lineal gezogen. Körperlich hatten ihn ihre femininen Formen, die sie mit beinahe narzißtischem Vergnügen mit körperbetont geschnittener Kleidung betonte, die langen Beine mit dem schmalen Fesseln und muskulösen Schenkeln, das lange schwarze Haar und die schönen schlanken Hände von Anfang angezogen. Er mochte Frauen mit weiblichen Rundungen, weil diese für ihn ein Zeichen waren, daß die betreffende Schöne zu genießen weiß. Dem asketischen Typ hatte er noch nie etwas abgewinnen können; Menschen, die immer nur mit dem Blick auf die Waage essen, halten es auch bei anderen Genüssen ähnlich, war seine Überzeugung, wenngleich ihm bewußt war, daß es immer Ausnahmen von den vermeintlichen Regeln gab und Verallgemeinerungen stets in eine Sackgasse führten.

Sie wirkte wie gewohnt von der Titelseite einer Modezeitschrift entstiegen. Anstelle einer gutgehenden Galerie hätte sie ebensogut eine gutgehende Modeboutique leiten können oder Chefredakteurin einer Modezeitschrift sein. Managerin weniger, dazu waren ihre Röcke und Kleider immer eine Spur zu kurz, ihre Absätze ein wenig zu hoch und ihr Make-up etwas zu sinnlich provokant. Legte sie es darauf an, konnte ihre erotische Ausstrahlung einem durchaus den Atem rauben.

Dabei unterschlug er geflissentlich, daß er ihrem Charme und Esprit – die wahren Gründe, warum er seinerzeit sich Hals über Kopf in sie verliebt hatte –, selbst dann erlegen wäre, würden sie zum asketischen Typ zählen. Von Anfang an hatte sie das Heft in die Hand genommen, was ihm auf eine besondere Weise gefallen, sie ihm dabei aber nie allzusehr das Gefühl vermittelt hatte, daß es ausschließlich nach ihren Vorstellungen ginge.

Doch ihre offenkundige Scheu vor einer festen Bindung, solange ihr Lebensalter nicht mit einer Vier vorne begann, hatte dazu geführt, daß ihr Verkehr miteinander – vor allem auf ihre Initiative hin – auf eine rein freundschaftliche Basis gestellt worden war.

Er mußte einen Seufzer unterdrücken, begann ihr Lebensalter mit einer Vier, war er bereits bei der Fünf angelangt. Bei dem Gedanken fühlte er sich auf einmal alt und begann zu verstehen, wie eine Midlifecrisis ihren Anfang nahm.

Warum war er nicht standhaft geblieben und ihr gesagt hatte, daß sie die einzige Frau sei, die er wolle, daß eine feste Beziehung nicht automatisch die Aufgabe der eigenen Freiheit bedeute und so weiter und so folgt, konnte er sich bis heute nicht erklären. Wenigstens hatte sie den Kontakt nicht auf einem gerade noch der Höflichkeit geschuldeten Mindestmaß reduziert. Daß sie jeden Tag nach ihm sah, ließ ihn zumindest nicht die Hoffnung verlieren, daß sie ihre Meinung doch noch ändern könnte, so trügerisch sie auch sein mochte, und festigte in ihm die Überzeugung, daß sein dummer Unfall doch etwas Gutes besaß.

»Setz’ dich wieder in deinen Sessel. Ich komme gleich zu dir«, riß sie ihn aus seinen Gedanken.

Es klang unüberhör nach einem Befehl. Sie besaß in diesem Augenblick viel von der Autorität einer Oberschwester. Wäre er dazu in der Lage gewesen, er hätte demonstrativ die Hacken zusammengeschlagen. Wegen dieser natürlichen Autorität hatte er nicht hartnäckig genug versucht, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, daß sie sich mehr Hartnäckigkeit von ihm gewünscht hatte. Nun, die Gelegenheit war vorerst vorüber gegangen. Ob sich noch eine weitere bieten würde, würde sich zeigen, vorerst mußte er diesen Gipsfuß und seine uneingeschränkte körperliche Autonomie wiedererlangen.

Er erwiderte nichts und humpelte zu seinem Sessel zurück, hoffend, daß ihr sein sehnsüchtiger Hundeblick nicht aufgefallen war.

Im Prinzip war er froh, wieder sitzen zu können. Mit dem Klumpfuß war das Laufen alles andere als angenehm.

Er hörte sie in der Küche rumoren und sah erneut aus dem Fenster.

In seiner augenblicklichen Lage fühlte er sich mitunter ein wenig wie ein gehbehinderter Greis, der von Tochter oder Enkelin fürsorglich betreut wurde.

Der Handwerker in der Wohnung gegenüber kam zügig voran. Bald würde er sich das nächste Zimmer vornehmen, falls das Schlafzimmer nicht der letzte Raum war, in dem die Tapeten noch entfernt werden mußten.

»Ich habe uns einen Tee gemacht«, riß ihn ihre angenehme nicht mehr sehr mütterlich klingende Altstimme aus seinen Betrachtungen.

Sie balancierte ein Tablett mit zwei Tassen, einer dampfenden Kanne, einer Dose mit Keksen, einer Schale mit braunem Zucker und einem Kännchen mit Zitrone. Nachdem sie die Sachen auf den Couchtisch gestellt hatte, lehnte sie das leere Tablett gegen die Couch. Sie schenkte Tee in eine Tasse, tat zwei Stücke braunen Zucker und einen reichlichen Schuß Zitrone hinein und reichte sie ihm mit einem Löffel. Er war bemüht, sich nicht die Finger zu verbrennen, als er die Tasse entgegennahm und rührte um. Sie schenkte sich selbst ein, tat gleichfalls Zucker und Zitrone hinzu und setzte sich, die Beine in damenhaft lässiger Eleganz übereinandergeschlagen, in den anderen Sessel, der so stand, daß sie im Profil zu ihm saß und es ihm besonders gut ermöglichte, ihre schönen langen Beine zu betrachten.

Anscheinend mußte er sich erst den Haxen brechen, um ihre fürsorgliche Seite kennenzulernen. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn sie diese an sich selbst auch erst jetzt entdeckt hätte.

Bis zu seinem Unfall hatte er Mütterlichkeit kaum mit ihr in Verbindung gebracht.

»Was hast du heute gemacht«, fragte sie, vor allem um eine Unterhaltung in Gang zu bringen.

Fast hätte er erwidert, daß er erst einen kleinen Waldlauf gemacht und dann mal kurz den Südturm des Doms bestiegen hätte. Aber er unterließ das. Sie hatte seinen Sinn für Humor schon immer reichlich zweifelhaft gefunden, obwohl sie auch nicht gerade auf den Mund gefallen war.

»Ich bin spät aufgestanden, habe gefrühstückt, mich dann in meinen Sessel gesetzt und etwas gelesen, bis du gekommen bist«, entgegnete er statt dessen.

»Konntest du wenigstens gut schlafen«, fragte sie teilnahmsvoll und nahm einen langen Schluck vom ausreichend abgekühlten Tee.

Als die Tasse ihre vollen tiefrot geschminkten Lippen berührte, konnte Rolf nicht umhin, sich daran zu erinnern, wie sie schmeckten und wo sie ihn schon überall mit ihnen berührt hatte. Sie war die beste Fellatistin, die er jemals kennengelernt hatte, wie auch ihre Hände diesbezüglich gerade zu begnadet waren. Er mußte sich zusammennehmen, um sich nicht vor einem zutiefst wohligen und sinnlichen Schauer zu schütteln. Woran Rekonvaleszenten doch denken, wenn sie den ganzen Tag nur eingeschränkt bewegungsfähig sind!

»Wie gut man eben mit einem Klumpfuß, der manchmal und das zum ungünstigsten Zeitpunkt juckt, schlafen kann«, meinte er mit einem Achselzucken. Sie fragte ihn das jeden Tag und er gab jeden Tag die gleiche Antwort. »Wie läuft es in der Galerie, jetzt wo du den Nachmittag über nicht mehr sooft da bist.«

Sie überging den spitzen Unterton, den er eher ungewollt von sich gab – sie war überzeugt, daß dort alles drunter und drüber ging, sobald sie nicht da war –, als hätte sie ihn nicht gehört.

»Britta kommt ganz gut allein klar und Klaus-Dieter ist ja nachmittags auch noch da«, entgegnete sie versöhnlich.

Britta war ihre feste Kraft, eine Kunstgeschichtestudentin, die seit drei Jahren versuchte ihre Masterarbeit fertigzustellen. Klaus-Dieter, ein Kunststudent, der aber viel mehr von einem typischen Jurastudenten an sich hatte, kam an drei Nachmittagen in der Woche. Alles in allem bildeten Maria und die beiden ein interessantes Trio.

»Wann gibt sie ihre Arbeit ab?«

»Vermutlich kommt Klaus-Dieter eher zu einer Retrospektive im ›Centre Georges Pompidou‹«, erwiderte Maria trocken, war aber keinesfalls unglücklich darüber, solange würde Britta bei ihr bleiben, wobei sie die Überzeugung hegte, daß für eine wirkliche Karriere in ihrem Metier gute Kontakte weitaus wichtiger waren als irgendeine Urkunde, die Erfahrung schien ihr im großen und ganzen Recht zu geben.

»Die Wohnung gegenüber wird renoviert«, kam er mit einer Neuigkeit heraus, die wohl für keinen, außer für ihn – und natürlich für den zukünftigen Mieter –, von wirklichem Interesse war.

»Was für eine Wohnung gegenüber?« sah Maria ihn an, als delire er im Fieber. Sie konnte dem abrupten Themenwechsel nicht ganz folgen.

»Na, die man von hieraus einsehen kann. Du erinnerst dich vielleicht?«

»Zum einen habe ich nicht die Angewohnheit in anderer Leute Wohnung zu sehen, zumindest nicht von außen, und zum anderen waren wir immer mit anderen Dingen beschäftigt, war ich hier.«

Das letzte sprach sie durchaus mit einem Anflug von wehmütiger Erinnerung aus, aber wiederum nicht so, daß es den Anschein hatte, als wünschte sie eine Fortsetzung oder eine Neuauflage.

»Danke«, meinte er mit einem breiten, spürbar selbstzufriedenem Grinsen.

»Wofür?« verstand sie ihn absichtlich nicht.

»Daß du zugibst, daß du in meiner Gegenwart auf gar nichts anderes mehr geachtet hast.«

Ihre darauffolgende Antwort war wenig schmeichelhaft für ihn, was ihn aber noch mehr bedauern ließ, daß sie keine Beziehung mehr miteinander hatten. Es gefiel ihm, wurde eine kultivierte Frau wie sie außerordentlich vulgär.

Sie nahm einen kräftigen Schluck, stellte die Tasse auf den Tisch und stand auf.

»Ich koche uns etwas. Du hast sicher Hunger. Falls nicht, ich habe welchen. Ich habe seit heute früh nichts mehr gegessen, denn ich mußte früh aufstehen«, beim letzten Satz war sie fast schon aus dem Zimmer, so daß ihm die Möglichkeit einer adäquaten Antwort genommen wurde.

Er sah wieder aus dem Fenster. Das Radio spielte immer noch. Der Mann aber war nicht mehr zu sehen, es schienen auch keine Tapete mehr an den Wänden zu sein.

Er nahm sein Buch wieder auf. Schnell fand er die Stelle, wo er geendet hatte. Im Hintergrund hörte er Maria mit den Töpfen klappern.

»Was gibt’s«, rief er.

»Etwas Wohlschmeckendes und Kräftigendes«, antwortete sie von der Tür her.

Er sah zu ihr hin. Sie sah in der roten Schürze mit dem aufgedruckten kugelrunden Koch und dem Text ›Hier kocht der Chef‹ drollig aus. Bernd hatte ihm die Schürze in einem Anflug von Humor zum Einzug geschenkt. Rolf verkniff sich aber jede Äußerung über ihre Erscheinung, zum einen hielt sie ein scharfes Küchenmesser in der Hand, zum anderen war er momentan nicht gut zu Fuß und drittens besaß sie ganz schön Kraft, wobei sie sich nicht scheute, diese auch in Anwendung zu bringen, sollte es ihres Erachtens angebracht sein.

Sie ging, ohne seine Antwort abzuwarten, in die Küche zurück. Er verlagerte das Gewicht etwas in den Polstern, lehnte sich zurück, verschränkte die Arme im Nacken und schloß die Augen.

Wenn man es genau betrachtete, war es gar nicht so übel, sich einmal so richtig verwöhnen zu lassen. Irgend etwas Gutes mußte dieser dämliche Unfall schließlich haben.

Die Geräusche aus der Küche, die bald von einem angenehmen Duft begleitet wurden, das leise herübertönende Radio aus der Wohnung gegenüber, das Gezwitscher der Vögel und ab und zu ein anderes Geräusch aus dem Hof wirkten einschläfernd. Er döste vor sich hin, bis Marias Ausruf: »Wir können Essen«, ihn wieder in die Realität zurückholte.

Sie deckte den Tisch in der kleinen Eßecke, der maximal vier Personen Platz bot. Er hievte sich aus seinem Sessel und humpelte zum Tisch.

»Geht’s oder soll ich dir helfen«, erkundigte sie sich wieder mit mütterlicher Fürsorge.

»Bisher ist nur mein Fuß etwas lädiert, alles andere ist aber noch bestens in Schuß«, erwiderte er etwas spitz.

»Das kann ich jetzt kaum nachprüfen«, meinte sie mit der Zweideutigkeit, die er von ihr gewohnt war. Das ließ ihn hoffen, daß ihre mütterliche Phase nur vorübergehend war.

Kurz darauf servierte sie das Essen. Sie hatte eine ihrer speziellen Gemüsesuppen zubereitet, von denen man gerne mehr als einmal nimmt. Was da auf dem Teller kam, war ein repräsentativer Querschnitt der zur jeweiligen Jahreszeit verfügbaren Früchte des Feldes und des Gartens. Sie aßen in schweigsamer Harmonie. Es gibt Dinge, die müssen mit Stille genossen werden.

Er nahm noch einen zweiten Teller voll.

»Jedenfalls hast du noch immer einen gesegneten Appetit«, meinte sie zufrieden.

»Bei dem was geboten wird, wäre es ein Frevel, nicht zuzulangen«, erwiderte er mit einem breiten Grinsen und ließ offen, ob er sich lediglich aufs Essen bezog oder auch auf sie.

»Es beruhigt mich, daß ich einen Mann auch mit meinen Kochkünsten zufriedenstellen kann«, erwiderte sie ironisch. »Iß in Ruhe auf. Den Rest wärmen wir morgen auf.«

Sie räumte ihren Teller – ihr hatte eine Portion genügt – und den Topf weg, in dem noch mehr als genug für eine weitere Mahlzeit war.

Nach dem Essen – der zweite Teller war doch etwas viel gewesen – richtete er sich wieder in seinem Sessel ein. Sie bewaffnete sich mit dem Staubsauger. Er versuchte weiter in seinem Buch zu lesen, hatte aber kaum drei Seiten geschafft, als es an der Tür klingelte. Gewohnheitsgemäß wollte er schon aufstehen, als sie rief: »Ich mach’ auf.«

Der Staubsauger erstarb. Kurz darauf stand Bernd neben seinem Sessel.

»Ich wollte einmal nach dir sehen.« Es klang, als hätten sie sich Wochen nicht gesehen, dabei kam er fast jeden Tag vorbei.

Es war, als gäbe es eine stille Absprache zwischen ihnen; sobald er kam, verließ Maria die Wohnung.

»Ich habe die Teller in die Spülmaschine getan«, sagte sie, bereit zu gehen. »Es lohnt nicht, sie anzumachen. Der Rest der Suppe steht im Kühlschrank. – Bernd, wenn du willst, kannst du dir einen Teller von meiner Gemüsesuppe warm machen. Es ist auf jeden Fall genug da. Er soll sowieso nicht so viel essen, wenn er sich kaum bewegt. Morgen mache ich dir dann die Wäsche«, wandte sie sich wieder an Rolf.

»Ich bringe dich zur Tür, Maria«, war Bernd ganz Kavalier.

»Etwas von ihrer Suppe«, fragte Rolf den Freund, als sie alleine waren. »Kann ich dir nur empfehlen.«

»Im Prinzip schon, doch du weißt, daß ich jeden Abend mit Kathrin esse. Sie bekocht mich nun mal gerne und ist leicht eingeschnappt, wenn ich es nicht angemessen würdige. Sie kocht schließlich ausgezeichnet. Ich kann sie ja verstehen. Sie ist den ganzen Tag im Museum und jetzt, wo die neue Ausstellung langsam in die heiße Phase kommt, kommt sie kaum vor acht nach Hause. Dann stellt sie sich noch an den Herd und wenn ich dann nur einen Bissen nehme und den Rest stehen lasse, ist es verständlich, wenn sie anschließend sauer ist. Ich hab’s mit meinen Übersetzungen besser. Ich arbeite zu Hause, habe lediglich einen festen Abgabetermin, aber sonst kann ich mir, neben der Hausarbeit, den Tag frei einteilen.«

»Um unter anderem am Nachmittag Krankenbesuche machen«, fügte Rolf trocken hinzu.

»Genau«, pflichtete Bernd ihm mit einem breiten Grinsen bei und trat ans Fenster. »Hast du schon gesehen? In der Wohnung gegenüber sind die Fenster offen.«

»Ja, seit heute vormittag. Sie wird renoviert.«

»Dann bekommst du ja bald einen neuen Nachbarn.«

Bernd ging um kurz nach sieben. Kathrin hatte ihn auf dem Handy angerufen, sie würde schon deutlich vor acht zu Hause sein.

Rolf studierte das Fernsehprogramm. Irgend etwas Brauchbares mußte es bei der Vielfalt der Sender doch geben. Er wurde schließlich bei einem Kultursender fündig.

 

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