Archiv der Kategorie »Werkstatt«

Kurzes #58 – Die Tote im Abbruchhaus

Samstag, den 19. Mai 2012

Der folgende Text ist ein Auszug aus dem ersten Kapitel meines Kriminalromans »Ein (fast) alltäglicher Fall«, Bestellmöglichkeit hier.

Das Klingeln des Mobiltelephons riß Evas aus ihren Gedanken. Sie holte es aus der Innentasche ihrer Jacke. Es war ihr Kollege Lars.
„Ja, was gibt’s?“ blaffte Eva ihn an, die bisweilen gerne einen Teil ihres Frustes an ihm ausließ.
Lars arbeitete bereits zu lange mit Eva zusammen, um sich von den Launen seiner bildschönen Kollegin noch aus dem Konzept bringen zu lassen.
„Wo bist du, Eva?“ fragte Lars gelassen.
„Zuerst einmal sagt man ‚Guten Morgen‘, du Stoffel“, herrschte Eva ihn an, was Lars gleichfalls ignorierte. War sie in ihrer augenblicklichen Stimmung, war es letztlich gleich, was er sagte, Eva würde stets vergleichbar reagieren. Zwischen ihnen hatte sich über die Jahre eine Art Haßliebe entwickelt. „Wenn du wissen willst, wo ich bin; ich stecke mitten in einem Stau. Wo sollte man auch sonst an einem Montagmorgen um diese Zeit stecken? Von wegen, daß der Stadt bald der Verkehrsinfarkt droht; der ist doch schon längst da!“
Lars hörte sich ihre Tirade mit stoischem Gleichmut an und sagte, nachdem sie geendet hatte:
„Du fährst am besten sogleich nach … Moment …“ Eva hörte Papier rascheln, anschließend nannte Lars ihr eine Adresse, die gar nicht weit von ihrem jetzigen Standort lag.
„Und warum soll ich das?“ fragte Eva schon gemäßigter, denn sie ahnte den Grund; es gab nur eine Möglichkeit, wenn Lars sie bereits auf der Fahrt zum Präsidium anrief.
„Weil dort in einem Abbruchhaus eine weibliche Leiche gefunden wurde. Es sieht eindeutig nach Fremdeinwirkung aus, wie die uniformierten Kollegen berichten. Sie sind bereits vor Ort. Ich mache mich auch sofort auf den Weg. Wir sehen uns dort.“
Lars beendete das Gespräch, bevor Eva etwas erwidern konnte. (weiterlesen…)

Zwei Erzählungen in den »Böse Geschichten Nr. 30«

Dienstag, den 7. Februar 2012

 

Im Sammelband »Böse Geschichten & schmutzige Fotos« Nr. 30« des Hamburger Charon-Verlages, der unter anderem auch das renommierte und älteste deutschsprachige BDSM-Szene-Magazin »Schlagzeilen« herausgibt, sind meine beiden Kurzgeschichten »Evamarias Gummiregenmantel« und »Das kleine Schuhgeschäft« erschienen.

Bestellmöglichkeit hier.

 
 

Zwei Erzählungen in den »Böse Geschichten Nr. 29«

Donnerstag, den 6. Oktober 2011

 

Im Sammelband »Böse Geschichten & schmutzige Fotos« Nr. 29« des Hamburger Charon-Verlages, der unter anderem auch das renommierte und älteste deutschsprachige BDSM-Szene-Magazin »Schlagzeilen« herausgibt, sind meine beiden Kurzgeschichten »Die Gouvernante« und »Nachbarschaftshilfe« erschienen.

Bestellmöglichkeit hier.

 
 

Kurzes #56 – Chambre d’Amour

Montag, den 25. April 2011

Blitze zuckten. Der Donner grollte unnatürlich laut. Das Gewitter befand sich genau über dem Stadtteil. Er schaffte es gerade noch, den schützenden Hausdurchgang zu erreichen, bevor der fast schwarze Himmel seine Schleusen öffnete.
Der Regen peitschte durch die Straßen. Das Wasser konnte gar nicht so schnell abfließen, wie es von oben kam. Die auftreffenden Tropfen bildeten auf der dünnen, alles überziehenden Wasserschicht Blasen. In den Straßenrinnen hatten sich kleine reißende Bäche gebildet. Keine Menschenseele war mehr zu sehen.
Er lehnte sich mit der linken Schulter an die Wand des Durchgangs und beobachtete interessiert das Naturschauspiel. Was blieb ihm auch anderes übrig, wollte er nicht innerhalb kürzester Zeit bis auf die Haut durchnäßt werden?
Es waren nur wenige Augenblicke vergangen, als er hinter sich eine Tür gehen und das Klacken hoher Absätze auf Betonplatten hörte. Diese Melodie erfüllte ihn stets mit einem leichten, angenehm sinnlichen Gefühl. Es waren kraftvolle, entschlossene Schritte, die sich schnell näherten. Er widerstand dem Drang, sich umzudrehen, weil er kaum mehr als Umrisse gesehen hätte, lag doch der ganze Durchgang im Dunkel.
Die Schritte verstummten auf seiner Höhe. Zugleich hörte er einen ungehaltenen Seufzer, der zur Hälfte in einem erneuten Donner unterging. Er blickte leicht zur Seite. Weil sie jetzt auf seiner Höhe war, konnte er es unauffälliger tun.
Also, in diesem Fall konnte das Gewitter ruhig noch was dauern, war sein erster Gedanke. Sie war groß. Das mittellange, üppige blonde Haar erweckte den Eindruck gepflegter Nachlässigkeit, daß frau gerade aus den Armen ihres Liebhabers kommt und es gar nicht einsieht, warum sie die Spuren der genossenen Lust schamhaft verstecken soll. Ihren blauen Trenchcoat hatte sie enggegürtet, was ihre Taille schmaler wirken ließ und ihre Oberweite betonte. Ihre Schuhe waren aus schwarzem feinem Leder, handgenäht und unübersehbar auf ihren schlanken Fuß gearbeitet. Schwarze hauchzarte Nahtnylons umhüllten ein Paar schmaler Fesseln und wohlgeformter Waden. (weiterlesen…)

Kurzes #54 – Begegnung im Café

Sonntag, den 10. April 2011

Wohl oder übel würde Marius das letzte Stück Weg laufen müssen, wollte er nicht bis auf die Haut durchnäßt werden. Im allgemeinen mochte er den Frühlingsregen, aber nicht unbedingt, wenn er sich mittendrin und ohne Schirm befand. Diese praktische Erfindung lag wieder einmal dort, wo sie in einer solchen Situation nicht liegen sollte: bei ihm zu Hause in der Diele auf dem Schuhschrank. So konnte er ihn unterwegs zwar nirgendwo liegen lassen, doch dafür war ihm jetzt eine kostenlose Dusche sicher.
Natürlich war der Himmel bereits mit dichten grauen Wolken tief verhangen gewesen als er das Haus verlassen hatte. Zeichen genug zu überprüfen, ob man denn nun das tragbare Regendach mitgenommen hatte und wenn nicht, noch einmal bequem umkehren konnte, um es zu holen. Doch wie dem meist so ist; man vertraut naiv auf sein mehr als zweifelhaftes Glück und fordert mit dieser Gleichgültigkeit der Macht der Elemente gegenüber, diese geradezu heraus, einem zum ungezählten Male zu beweisen, daß ihre eindeutigen Vorankündigungen stets Ernst zu nehmen sind.
Trotz allem war ihm das Glück doch noch ein wenig hold, denn bevor sich die Schleusen gänzlich öffneten, hatte er sein Ziel erreicht und trat durch die Eingangstür seines Stammbistros.
Hinter ihm ergossen sich jetzt wahre Sturzbäche. Auf dem Straßenpflaster stand innerhalb von Augenblicken eine dünne Wasserschicht, auf der die auftreffenden Tropfen große Blasen bildeten. Schnell waren die Wege wie leergefegt. Jeder versuchte eiligst einen schützenden Unterstand zu finden. Schirme boten bei einem derartigen Wolkenbruch kaum noch einen hinreichenden Schutz. Die Reifen der Autos schleuderten wahre Fontänen auf die Gehwege, die Scheibenwischer kamen trotz höchster Stufe nicht nach, die Windschutzscheiben einigermaßen blickfrei zu halten. In den Vertiefungen der abgefahrenen Fahrbahnteile bildeten sich schnell tiefe Pfützen, durch die viele Fahrer gedankenlos ihre Vehikel lenkten und manchem ahnungslosen Passanten, der sich nicht schnell genug mit einem beherzten Sprung in Sicherheit bringen konnte, von oben bis unten beschmutzten. (weiterlesen…)

Buchneuerscheinung: Ein (fast) alltäglicher Fall

Sonntag, den 5. September 2010

Es ist soweit! Mein neues Buch ist erschienen! Es ist nicht nur ein Kriminalroman sondern zugleich auch die Geschichte einer – lustvollen – Selbstfindung der Hauptperson, in der es zudem um Vertrauen, Mißtrauen und jemandem etwas nicht zutrauen geht. Und wie leicht man durch unbegründetes Mißtrauen eine große Liebe aufs Spiel setzen kann.
Eine Leseprobe gibt es hier

Klappentext

In einer Siedlung, die abgebrochen werden soll, um Neubauten Platz zu machen, wird die Leiche einer Frau gefunden, die nackt auf einem alten Bettgestell gefesselt liegt. Alles deutet darauf hin, daß eine BDSM-Session gehörig daneben gegangen ist. Doch wer war bei der Frau gewesen? Wer hat sie gefesselt und mit einem Seidenschal gewürgt? Es wird in alle Richtungen ermittelt. Kommissarin Eva Gerbroth begibt sich im Rahmen ihrer Ermittlungen auch in die örtliche BDSM-Szene. Auf einer Party lernt sie den Szene-Photographen und passionierten Dom Jean kennen, von dem Eva sofort fasziniert ist. Durch ihn erfährt sie mehr über sich selbst als über ihren Fall, der bald eine überraschende Wende nimmt, als Eva entdeckt, daß Jean die Tote gekannt hat, obwohl er es ihr gegenüber leugnet.

Armin A. Alexander
Ein (fast) alltäglicher Fall
ISBN 978-3-8423-1920-2
244 S., PB, € 18,95
Bei Amazon
Zur Leseprobe

Wer rastet, der rostet #8

Freitag, den 27. August 2010

Es ist soweit! Mein neues Buch ist fertig und wird vorraussichtlich Anfang September erscheinen. Es ist ein Kriminalroman mit allen wichtigen Elementen, und zugleich auch die Geschichte einer – lustvollen – Selbstfindung der Hauptperson, in der es zudem um Vertrauen, Mißtrauen und jemandem etwas nicht zutrauen geht. Und wie leicht man durch unbegründetes Mißtrauen eine große Liebe aufs Spiel setzen kann.
Eine Leseprobe gibt es hier

Klappentext

In einer Siedlung, die abgebrochen werden soll, um Neubauten Platz zu machen, wird die Leiche einer Frau gefunden, die nackt auf einem alten Bettgestellt gefesselt liegt. Alles deutet darauf hin, daß eine BDSM-Session gehörig daneben gegangen ist. Doch wer war bei der Frau gewesen? Wer hat sie gefesselt und mit einem Seidenschal gewürgt? Es wird in alle Richtungen ermittelt. Kommissarin Eva Gerbroth begibt sich im Rahmen ihrer Ermittlungen auch in die örtliche BDSM-Szene. Auf einer Party lernt sie den Szene-Photographen und passionierten Dom Jean kennen, vom dem Eva sofort fasziniert ist. Durch ihn erfährt sie mehr über sich selbst als über ihren Fall, der bald eine überraschende Wende nimmt, als Eva entdeckt, daß Jean die Tote gekannt hat, obwohl er es ihr gegenüber leugnet.

 

Wer rastet, der rostet #7

Donnerstag, den 22. Juli 2010

Ich befinde mich gerade mitten in den Arbeiten zu einem neuen Roman, einen BDSMigen Kriminalroman, oder einem BDSM-Roman, mit Krimihandlung, je nachdem wo man den Schwerpunkt setzen will.

Kurze Inhaltsangabe:

In einer Siedlung, die abgebrochen werden soll, um Neubauten Platz zu machen, wird die Leiche einer Frau gefunden, die nackt auf einem alten Bettgestellt gefesselt liegt. Alles deutet darauf hin, daß eine BDSM-Session gehörig daneben gegangen ist. Doch wer war bei der Frau gewesen? Wer hat sie gefesselt und mit einem Seidenschal gewürgt? Es wird in alle Richtungen ermittelt. Kommissarin Eva Gerbroth begibt sich im Rahmen ihrer Ermittlungen auch in die örtliche BDSM-Szene. Auf einer Party lernt sie den Szene-Photographen und passionierten Dom Jean kennen, vom dem Eva sofort fasziniert ist. Durch ihn erfährt sie mehr über sich selbst als über ihren Fall, der bald eine überraschende Wende nimmt, als Eva entdeckt, daß Jean die Tote gekannt hat, obwohl er es ihr gegenüber leugnet.

Online-Lesung: »Ein Bewunderer«

Samstag, den 12. Juni 2010

In dieser Online-Lesung lese ich die leicht gekürzte Fassung der Kurzgeschichte »Ein Bewunderer« aus dem Erzählband »Geheimnisvolles Rendezvous« ISBN 978-3-8370-5591-7, 104 S., PB, € 12,90, Bestellmöglichkeit hier

Download der Online-Lesung als mp3-Datei: »Ein Bewunderer«

Kurzes #50 – Die Folgen

Montag, den 26. April 2010

Der folgende Text ist der dritte und letzte Teil von: Fluchtgedanken und Der Fluchtversuch.

Die nächsten Stunden erwiesen sich als Steigerung dieses Alptraums. Zwar hatte er überlebt, aber innerhalb der folgenden Tage, Wochen und Monate fragte er sich oft, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn der Junge ihn einfach erschossen hätte.
Nachdem seine Wunde notdürftig verbunden worden war – wohl damit er keine Blutstropfen auf dem Boden der Wachstube hinterließ –, wurde er in den Ort zurückgebracht und vom dortigen Leiter der Vopo, einem feisten Menschen mit kahlem Schädel, glattrasiertem gerötetem Gesicht›verhört‹, der seine Uniform wie eine Auszeichnung trug und die makellos an ihm saß, als sei sie seine eigentliche Haut, obwohl sie sich über seinem Bauch spannte. Ein leichter Alkoholgeruch ging von dem Mann aus.
Der Mann ließ seinen Aggressionen freien Lauf. Er schrie Ulrich unentwegt an, als koste es ihn keine Kraft, als sei es sein größtes Vergnügen. Ulrich achtete nicht auf den Inhalt der Worte, der nur eine endlose Folge von Klassenkampfparolen, Platitüden und Beschimpfungen war. Für ihn war es kaum mehr als ein lautes unartikuliertes Brüllen ohne jeden Sinn und Nutzen. (weiterlesen…)

Kurzes #49 – Der Fluchtversuch

Montag, den 26. April 2010

Der folgende Text ist die Fortsetzung von: Fluchtgedanken

Am achten August 1987 war sein Entschluß endgültig, die Flucht zu wagen. Es war ein warmer, wolkenloser Spätsommerabend und nahezu windstill. Er hoffte, daß die Hunde ihn deshalb nicht so schnell würden wittern können. Schon einige Wochen zuvor hatte er einen robusten Seitenschneider aus dem Kombinat mitgehen lassen, was keinem je aufgefallen war. Er bemühte sich den ganzen Tag über in niemandem auch nur den geringsten Verdacht über sein Vorhaben aufkommen zu lassen. Bereits in der vorigen Nacht hatte er ein Bündel geschnürt, das neben dem Wichtigsten, dem Seitenschneider, einige Wäschestücke zum Wechseln und die wichtigsten Papiere enthielt, damit man ihn ›Drüben‹ auch als einen Flüchtling anerkannte. (weiterlesen…)

Kurzes #48 – Fluchtgedanken

Montag, den 26. April 2010

Ruhig glitt der Zug auf den Gleisen dahin. Er sah bereits das achte Mal innerhalb der letzten Viertelstunde auf seine Uhr und dann wieder nach draußen. Es war ein ungewöhnlich sonniger, jedoch kühler Novembertag. Der blaßblaue Himmel war wolkenlos. Die vorüberziehenden kahlen Bäume erschienen ihm wie schwarze Gerippe, stumme Zeugen einer vermeintlich besseren Zeit. Bald würde er jene Stelle erreicht haben, die für vier Jahrzehnte nicht nur das Land sondern die ganze Welt in zwei, lange für unversöhnlich gehaltene Hälften gespalten hatte.
Seit seiner ›Übersiedelung‹ war er nicht mehr in diesem Teil des Landes gewesen. Zwar hatte er es sich in den vergangenen Jahren oft genug vorgenommen, doch war im letzten Moment stets etwas ›dazwischen‹ gekommen. Innerlich war er für diese ›Zufälle‹ jedoch dankbar gewesen. Nun aber hatte er es nicht weiter aufschieben können. Er mußte, der Anlaß gebot es. Er empfand es als Ironie, daß er weder den Zeitpunkt seines Fortgangs noch den seiner Rückkehr selbst hatte wählen können. (weiterlesen…)

Kurzes #47 – Lateinnachhilfe

Samstag, den 24. April 2010

»Ich frage mich ernsthaft, warum du Latein im Leistungskurs genommen hast. Nicht nur, daß du anscheinend die einfachsten Grammatikregeln nicht verstehst, sondern dich scheint das alles überhaupt nicht zu interessieren!«
Rolf sank auf seinem Stuhl tieferötend in sich zusammen. Frau Schellenbach hatte sich mit seinem Klassenarbeitsheft vor ihm aufgebaut und hielt es ihm wie eine Sünderkartei hin.
»Das ist ja wohl die mit Abstand schlechteste Arbeit, die ich in den letzten Jahren von einem Schüler bekommen habe. Wenn du mit diesen Kenntnissen im alten Rom nach dem Weg gefragt hättest, wärst du ganz bestimmt wegen Beleidigung verhaftet worden, wenn nicht Schlimmeres«, setzte sie bissig und auch ein wenig verächtlich hinzu.
Es war fast unbegreiflich, warum sie ihm das Heft nicht rechts und links um die Ohren schlug. Statt dessen legte sie es mit spitzen Fingern vor ihn hin und drehte sich, ohne ein weiteres Wort an ihn zu richten, auf den Absätzen um und ging zum Pult zurück um die übrigen Hefte den Schülern zurückzugeben. (weiterlesen…)

Kurzes #46 – Besprechung im Café am Stadtpark

Freitag, den 9. April 2010

Es war einer jener strahlenden Frühlingstage, die ein Füllhorn von Empfindungen über die Welt ausschütten, so daß jeder glaubt, darin ertrinken zu müssen und sich diesem Rausch dennoch nicht entziehen will, gleich einem Süchtigen, der ohne seine Drogen nicht mehr glaubt lebensfähig zu sein. Alles grünte und blühte, und das Versprechen, daß einem heute noch etwas Außergewöhnliches widerfahren werde, schien einem fortwährend zugeraunt zu werden.
Darum wunderte sich Marcel auch nicht, als ihn sein Verleger bat, ihr für heute vereinbartes Treffen im Café gegenüber dem großen Park unweit des Verlagsbüros zu verlegen. Marcel war das nur recht, denn auch für ihn schien ein ›stickiges‹ Büro kaum der passende Ort zu sein, an dem man sich an einem solchen Tag aufhalten sollte.
Marcel war früh von zu Hause aufgebrochen. Er wollte zuvor noch ein wenig durch den Park schlendern und diesen herrlichen Frühlingstag genießen. Das süßlichherbe Aroma, das die Flora an solchen Tag überreichlich verströmt, in Verbindung mit der Wärme und der, im Vergleich zum gerade überwundenen Winter, im Überfluß vorhandenen Helligkeit, weckten nicht nur in ihm Frühlingsgefühle, die alles begehrlicher und schöner erscheinen ließen, aus jeder leidlich hübschen Frau eine Göttin und aus jedem passablen Jüngling einen Zwillingsbruder Adonis’ machten. (weiterlesen…)

Kurzes #45 – Schönheit ist subjektiv

Montag, den 5. April 2010

»Sag mal, warum hast du immer eine so glückliche Hand bei der Auswahl deiner Frauen«, fragte Daniel seinen besten und ältesten Freund Florian mit einem langgezogenen Seufzer.
»Ach? Ja? Habe ich das?« erwiderte Florian und mußte sich ein leicht ironisches Grinsen verkneifen. »Was bringt dich auf den Gedanken?«
Florian kannte seinen Freund lange genug, um an seiner Frage zu erkennen, daß bei ihm in Liebesdingen wieder einmal gehörig etwas anders verlaufen sein mußte, als er es sich vorgestellt hatte.
»Ja, das hast du«, antwortete Daniel im Brustton der Überzeugung und von einem nicht zu überhörenden Vorwurf begleitet, der weniger Florians vermeintlichen Erfolgen als der ›Weigerung‹ galt, seinen besten Freund in sein ›Erfolgsgeheimnis‹ einzuweihen.
Florian ahnte bereits den Grund, weshalb der Freund sich in dieser Stimmung befand.
»Ist etwas mit dieser Solveig? Du warst doch so begeistert von ihr?« (weiterlesen…)

Kurzes #44 – Marias Überraschung

Mittwoch, den 31. März 2010

Der folgende Text ist die Fortsetzung und zugleich der letzte Teil von »Der Gipsfuß«, »Der Rekonvaleszent«, »Rolf wird umsorgt« und »Die neue Nachbarin«

Während der Nacht träumte Rolf, wie er ins Badezimmerfenster der Nachbarwohnung sah. Doch stand nicht seine Nachbarin unter der Dusche, sondern Maria in einem hellblauen Seidenkleid. Maria, die sie sich lüstern in Kleid, Nylons und hochhackigen Schuhen in der gefüllten Wanne räkelte. Maria, die wie Venus Anadyomene in einer sonnendurchfluteten Landschaft aus einem vom üppigen Wald umgebenen idyllischen See in einem roten langen Seidenkleid stieg. Maria, die in einem schicken Kostüm aus rotem Satin in einem wolkenbruchartigen Regen gemütlich spazieren ging, durchnäßt bis auf die Haut und das sichtlich genoß.
So schön und wildwuchernd diese Träume auch waren, Rolf war froh, als er am Morgen erwachte. Nicht die Träume an sich irritierten ihn, sondern daß in allen Maria im Mittelpunkt stand, Maria schöner und begehrenswerter denn je. Alle Träume durchzog zudem ein beinahe unbändiges Verlangen nach Maria, das Bewußtsein, daß er keine Frau jemals so begehren könnte wie sie und zugleich die Angst, daß Maria sich ihm auf ewig entziehen könnte, eine Angst, die in seinen Träumen so übermächtig wurde, daß sie ihn erwachen ließ. (weiterlesen…)

Kurzes #43 – Eine Geschichte aus den Mooren

Montag, den 29. März 2010

Es kündigte sich an, ein regnerischer Tag zu werden, und kaum daß sie die behagliche Geborgenheit des Hauses verlassen hatten, fielen die ersten Tropfen. Gernot beeilte sich, in den Geländewagen einzusteigen, Bernice legte keine Eile an den Tag, die wenigen, eher spärlich fallenden Tropfen schienen ihr nicht die leiseste Aufmerksamkeit wert zu sein.
Im Wagen sitzend, während Bernice gemächlich das Heck umrundete, um zur Fahrerseite zu gelangen, kam Gernot seine Flucht vor den Tropfen selbst ein wenig übertrieben vor. Sie waren zwar ungewöhnlich dick, wirkten als seien sie aus dünnflüssigem Öl, aber man mußte sich schon ein wenig anstrengen, wollte man wirklich von ihnen getroffen werden.
Gernot warf einen Blick auf die niedrige, aus lose und ohne Mörtel aufeinandergelegten Feldbruchsteinen bestehende Mauer, die den eher kärglichen Vorgarten umfriedete und aus deren Ritzen Moos und Gräser wuchsen. Zwischen dieser Mauer und der schmalen Straße, deren Asphalt an einigen Stellen brüchig war – nicht vom Verkehr, außer einem Heu einfahrenden Traktor verirrten sich nur wenige Fahrzeuge hierhin, sondern von der Witterung –, lag nur ein etwa einen Meter breiter Streifen fetten, saftiggrünen Grases, eigentlich mehr eine Art flacher Graben, der aber nie Wasser führte; zu gierig sog der Boden dieser Landschaft jeden fallenden Tropfen auf. (weiterlesen…)

Kurzes #42 – Die neue Nachbarin

Sonntag, den 28. März 2010

Der folgende Text ist die Fortsetzung von »Der Gipsfuß«, »Der Rekonvaleszent« und »Rolf wird umsorgt« Rolf beobachtet ein feuchtes Vergnügen der besondersreizvollen Art.

Es regnete bereits seit drei Tagen ohne Pause. Zwei Wochen frühlingshafter Sonnenschein mit lediglich einem Tag Unterbrechung konnten schließlich nicht von Dauer sein.
Vier Tage zuvor war die Wohnung gegenüber bezogen worden. Mehrere Leute waren dabei zugange gewesen, so daß es Rolf nicht gelungen war, herauszufinden, wer nun von ihnen seine neuen Nachbarn waren.
Am späten Vormittag sah Rolf seine neue Nachbarin zum ersten Mal durch das geöffnete Badezimmerfenster. Sie war Mitte zwanzig, ein wenig das hübsche Mädchen von nebenan, relativ groß, mit einem femininen Körper und mittellangen dichten dunkelblonden Haaren. Sie trug einen engen roten Satinrock mit breitem schwarzen Lackgürtel, eine weiße Seidenbluse, züchtig bis zum Hals geschlossen und zugleich figurbetont, um nur wenig der Phantasie zu überlassen, hautfarbene Strümpfe und – ihrem Gang nach zu urteilen – hochhackige Schuhe. Sie stand vor dem Spiegel und steckte sich das Haar mit gekonnter Nachlässigkeit hoch. Anschließend schminkte sie sich sorgfältig in dezenten Farben.
Ob ihr bereits aufgefallen war, daß man von Rolfs Wohnung aus in ihre sehen konnte, wenn die Fenster offen standen? Und kümmerte sie das überhaupt?
Als sie fertig war, betrachtete sie sich prüfend im Spiegel und schien sichtlich zufrieden mit dem was sie sah.
Rolf erwartete nun, daß sie das Fenster schließen würde, darum zog er unwillkürlich den Kopf ein. Obwohl es nicht seine Schuld war, daß man von seiner Wohnung aus so gut in ihre sehen konnte und sie nicht nur in seiner Richtung sondern auch hätte hinaufsehen müssen, um ihn zu bemerken. (weiterlesen…)

Kurzes #41 – Rolf wird umsorgt

Mittwoch, den 24. März 2010

Der folgende Text ist die Fortsetzung von »Der Gipsfuß« und »Der Rekonvaleszent«

Rolf beeilte sich von nun an jeden Morgen mit dem Frühstück, um so schnell als möglich seinen Platz am Fenster einzunehmen und den Fortschritt der Renovierungsarbeiten in der gegenüberliegenden Wohnung zu beobachten. Wenn er auch am zweiten Tag nicht viel zu sehen bekam. Anscheinend war der Handwerker in den anderen Räumen beschäftigt. Durch die offenen Fenster in Bad und Schlafzimmer hörte Rolf das Radio spielen.
So vergingen weitere Tage. An dem einen sah Rolf den Handwerker, am anderen hörte er überwiegend nur das Radio. Rolf sah, wie der Handwerker zuerst Rauhfaser klebte und sie anschließend in einem leichten Beigeton strich. Wurde Rolf das Zusehen doch zu eintönig, las er ein paar Seiten in seinem Buch. Um die Mittagszeit kam Maria und kochte oder wärmte die Reste von gestern auf. Am Nachmittag erschien Bernd und hin und wieder kam auch jemand von Rolfs übrigen Freunde auf einen Sprung vorbei.
Das Brummen eines Staubsauger kann auch etwas Einschläferndes haben. Rolf saß mit innerer Zufriedenheit in seinem Sessel, die Augen geschlossen und die Hände vor dem Bauch gefaltet, der Dank dem vorzüglichen, von Maria zubereitetem Essen, satt gefüllt war. (weiterlesen…)

Kurzes #40 – Der Rekonvaleszent

Dienstag, den 23. März 2010

Der folgende Text ist die Fortsetzung von »Der Gipsfuß«

Die folgende Nacht schlief Rolf besser. Im Grunde gab es für ihn kein Anlaß zum Klagen. Ihm fehlte es an nichts. Maria kümmerte sich fast schon mütterlich rührend um ihn. Bernd war kaum weniger aufmerksam, im Gegenzug war Rolf aber auch gezwungen, sich anzuhören, wie trostlos das Abendessen mit Kathrins Kollegin und deren Mann verlaufen war. In ihm sah Bernd wieder einmal seine Vorurteile über Manager im allgemeinen und im besonderen bestätigt. Für Bernd schien es unverständlich, daß eine dermaßen attraktive und mindestens zehn Jahre jüngere Frau, einen derart furztrockenen Typen überhaupt hatte nehmen können. Zudem sei er, was Kunst betraf, ein Banause, der einen Rubens nicht von einem Beuys unterscheiden könne. Wie könne man überhaupt nichts von Kunst verstehen, wenn man mit einer Kunstwissenschaftlerin verheiratet sei!
Rolf verkniff sich der alten Freundschaft wegen und weil Bernd gestern seinen Sessel so bereitwillig unters Fenster gerückt hatte, zu sagen, daß Kathrin in etwas gemäßigter Form und mit einem lachenden Auge das auch über ihren Bernd sagte. Bernd war, hatte er sich einmal an einem Thema festgebissen, nur schwer wieder davon abzubringen, ganz gleich wie seine Umgebung dazu stand. (weiterlesen…)

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