Archiv der Kategorie »Betrachtungen«

Unterschichten im Spiegel der Zeit

Sonntag, den 20. Mai 2012

Verbale Entgleisung und Diskreditierungen gegenüber den Schwächsten einer Gesellschaft, den Armen, die auch gerne als Unterschicht bezeichnet werden oder neuerdings auch als Prekariat, was nur scheinbar weniger abwertend klingt, durchziehen die gesamte abendländische Geschichte. Verbale Entgleisungen gegen eine Gesellschaftsschicht, die zwar immer mit ihrer – billigen – Arbeitskraft half, den Wohlstand einer Gesellschaft zu mehren, aber zugleich von den Früchten dieses Wohlstandes ausgeschlossen war. »Wäre ich nicht arm, wärst Du nicht reich«, wie Brecht den armen zum reichen Mann sagen läßt, beschreibt in einfachen Worten treffend Ursache und Wirkung. Die Armen haben immer nur Arbeiten verrichten müssen, die von der Gesellschaft als niedere angesehen worden, oder wurden herangezogen, wenn die anfallende Arbeit für die regulären Kräfte allein nicht zu schaffen war, zur Erntezeit in der Landwirtschaft. Die Landwirtschaft war bis zur einsetzenden Industrialisierung der Wirtschaftszweig mit den meisten Beschäftigten. Sie wurden abwertend als Tagelöhner, heute euphemistisch Saisonarbeiter, bezeichnet, wodurch sie auch sprachlich vom Arbeitenden mit regulärem Beschäftigungsverhältnis abgesetzt wurden, der seinen Lohn wöchentlich erhielt.
Daß sie dumm seien, an ihrem Elend selbst Schuld, dem Trunk verfallen, derb, es nie zu etwas bringen würden, faul, an regelmäßiger Arbeit nicht interessiert, sich hemmungslos ihren Trieben hingeben würden, und was es an Vorurteilen mehr gibt, wurde ihnen fortwährend vorgehalten, ohne auch nur die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, daß hier Ursache mit Wirkung verwechselt wurde. Als ob Menschen, die systematisch ausgegrenzt und diffamiert werden, das auch noch mit Begeisterung und Dank und besonders vorbildlichem Verhalten quittieren würden! (weiterlesen…)

Eigener Artikel auf einseitig.info

Dienstag, den 12. Januar 2010

Im renommierten Online-Magazin www.einseitig.info ist ein Artikel von mir erschienen, in dem ich versuche aufzuzeigen, wie wichtig offene Standards und freie Software für eine Informationsgesellschaft sind. Der Artikel trägt die Überschrift »Frei – wie freie Meinungsäußerung«.
Zum Artikel hier klicken.

Fetischismus – Kultivierung des Sexuellen

Montag, den 14. Dezember 2009

Ihm sagen die über die Knie reichenden Röcke, die nahezu wadenlangen, mehr zu. Die nur die Hälfte der Waden zeigen, den Beginn dieser mal mehr weniger ausgeprägt geschwungenen Linie, die Fesseln. Den Rest gibt er lieber seiner Phantasie anheim. Zarte Strümpfe in allen Farben und hochhackiges Schuhwerk, bevorzugt mit schlanken, nicht zwingend dünnen Absätzen, sind seinen Augen ein Labsal. Aber auch flache Schuhe können unter Umständen einen reizvoll harmonischen Abschluß bilden. (Zitat aus der Erzählung »Ein Bewunderer« aus dem Band »Geheimnisvolles Rendezvous«)

Malte sah ihr aufmerksam zu, wie sie einen Strumpf zusammenrollte, bevor sie ihn über den rechten schönen schlanken Fuß mit den blutrot lackierten Nägeln zog, ihn langsam über die schmale Fessel, über die in einem sanften Bogen verlaufende sich anschließende Wade, hinauf zum muskulösen Schenkel streifte und dabei das Bein ausstreckte. Das anschließende Glattstreichen war mehr ein selbstverliebtes zärtliches Liebkosen unter ihren schönen schlanken Fingern. Sichtlich selbstverliebt betrachtete Zoë ihr zartbestrumpftes Bein, bis sie zufrieden feststellte, daß der Strumpf ohne Falten ihr wohlgeformtes Bein umhüllte, an das Malte gerne die Wange gelegt hatte. Mit dem zweiten Strumpf verfuhr Zoë auf die gleiche Weise. (Zitat aus dem Roman »Adalberts Erbe«, erscheint voraussichtlich Frühjahr 2010)

Zwei Zitate mit unverkennbar fetischistischem Bezug, die zugleich auch gut das Wesen des Fetischismus beschreiben. Das erste Zitat aus der – männlichen – voyeuristischen Sicht; bezeichnen wir es einmal als passiven Fetischismus. Er genießt den Anblick zartbestrumpfter Frauenbeine nicht nur weil sie für ein erotisches Stimulans sind, sondern weil sie auch nicht alle natürliche Reize entblößen, sondern verhüllen. »[...] Den Rest gibt er lieber seiner Phantasie anheim. [...]« Fetischismus als Reiz der verheißungsvollen Verhüllung, die zwar einiges sehen, aber noch mehr Raum für die Phantasie läßt. Doch davon später noch. (weiterlesen…)

SM – Eine Begriffsgeschichte

Samstag, den 12. Dezember 2009

»Der modernen Sexualforschung sei es zum derzeitigen Stand nicht möglich, zwischen gesundem und pathologischem Sexualverhalten zu unterscheiden. So ist das Sexualverhalten ein gänzlich ungeeignetes Kriterium, um zwischen gesunden und behandlungsbedürftigen Persönlichkeitsprofilen zu unterscheiden«
Charles Moser, Ph.D., M.D. und Peggy J. Kleinplatz, Ph.D.

Ein kurzer Blick auf die Historie

Die Frage ob es sich beim Sadomasochismus, Fetischismus, etc. um eine »Störung der Sexualpräferenz« handelt, stellt sich ohnehin erst seit rund 120 Jahren, seit Richard von Krafft-Ebing 1886 seine 110 Seiten umfassende »klinisch-forensische Studie« »Psychopathia Sexualis« veröffentlichte. Im Gegensatz zu anderen medizinisch-psychologischen Werken seiner Zeit läßt er die Patienten selbst zu Wort kommen und kommentiert ihre Aussagen. Das, was heute als SM (bzw. BDSM, wobei der Begriff BDSM im angloamerikanischen Sprachraum im Laufe der 1990er Jahre entstanden ist und dem Spektrum gerechter wird, da er auch Bondage und Disziplin bzw D/S mit einschließt. BDSM = Bondage and Disziplin, Domination and Submission, Sadism and Masochism [dt.: Bondage und Disziplin, Dominanz und Unterwerfung, Sadismus und Masochismus]) bezeichnet wird, kommt in diesem Band noch so gut wie gar nicht vor. Tatsächlich nimmt die Homosexualität, damals noch als »conträres Sexualempfinden« bezeichnet, den weitaus größten Raum ein. Dem von ihm geprägten Begriff des »Masochismus«, bis dahin unter anderem als »passive Flagellation« bezeichnet, widmet er sich erst 1890 ausführlich in seinem Buch »Neue Forschungen auf dem Gebiet der Psychopathia Sexualis«. (weiterlesen…)

Interview auf einseitig.info

Montag, den 9. November 2009

Im Online-Magazin www.einseitig.info ist ein Interview mit mir erschienen, das der Kölner Journalist und Politologe Peer Zickgraf Ende Oktober gemacht hat. Das Interview trägt die Überschrift »Nachhilfestunden«.
Zum Interview hier klicken.

Der Fluch der patrilinearen Erbfolge – Aber auch das Matriarchat ist keine erstrebenswerte Alternative

Sonntag, den 8. März 2009

Der folgende Essay hat enggefaßt eher wenig mit Literatur an sich zu tun, aber da Literatur grundsätzlich auch ein Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse ist, ist das Thema so unpassend in einem Literatur-Blog nun doch wieder nicht. ;-)
Er wurde zuerst auf
einseitig.info veröffentlicht.

Warum nur vor dem Hintergrund der patrilinearen Erbfolge die extreme Unterdrückung der Frau Sinn macht und auch notwendig ist.

Sexuelle Selbstbestimmung ist nicht das Ergebnis von Gleichberechtigung, sondern deren Voraussetzung1. („Sie und Er – Frauenmacht und Männerherrschaft im Kulturvergleich“ 2 Bände, Köln 1998)

Über die Mutter des Kindes bestehen keine Zweifel, jedoch beim Vater läßt sich das allenfalls vermuten, wirklich objektive Gewißheit, ohne in die Autonomie der Frau einzugreifen, gibt es nicht. Der Vater ist der Ehrlichkeit der Mutter ihm gegenüber ausgeliefert. Wird davon ausgegangen, daß es für die Mutter keinen gewichtigen Grund gibt, nicht offen zu sein, und besitzt die soziale Elternschaft ein höheres Ansehen als die biologische, so stellt das nicht wirklich ein Problem dar. In einer Gesellschaft mit matrilinearer Erbfolge sowieso nicht, in einer ohne feste Erbfolge nur unter bestimmten Umständen, die ausschließlich den Unterhalt der unmündigen Kinder und das Erbrecht betreffen, jedoch greift es in einer mit partilinearer Erbfolge direkt deren Wesen an. Jeder noch so kleine Zweifel an der leiblichen Vaterschaft über den Sohn stellt die Gesellschaft als Gesamtes in frage. Sie ist also gezwungen, Mechanismen zu entwickeln, die sicherstellen, daß der Sohn auch wirklich die Hälfte der Chromosomen des Vaters besitzt. Eine Sicherheit, die letztlich utopisch ist und deren Erreichen mit einer Fülle von teils drastischen Restriktionen gegenüber der Frau verbunden ist. Ihr muß nicht nur jede Möglichkeit eines ‚Fehltritts‘ genommen, sondern es muß ebenso verhindert werden, daß nicht nur sie das System generell in frage stellt. (weiterlesen…)

Ein paar Gedanken über Realismus – in der Literatur

Sonntag, den 22. Februar 2009

Im Prinzip scheint es einfach; auf der einen Seite die reine Fiktion und sie muß gar nicht so offensichtlich daher kommen wie im Genre des Fantasy- oder SF-Romans. Auf der andere Seite die literarischen Texte die sich – scheinbar – mit der Realität auseinandersetzen. Wenn von irgendwelchen Wesen mit übersinnlichen Kräften erzählt wird, weiß jeder; hier läßt der Autor seiner Phantasie die Zügel schießen. Aber der Umkehrschluß muß nicht zwingend auf Realismus schließen lassen. (weiterlesen…)

Ende gut. Gutes Ende?

Dienstag, den 2. Dezember 2008

In der Regel erwartet der Leser ein Ende das ihn zufrieden stellt. Die meisten würden spontan sagen, eines das eine Auflösung der aufgebauten Spannung bringt. Das klassische Happy End im weitesten Sinne wäre ohne diese Prämisse undenkbar. Bei einem Krimi soll der Täter am Ende überführt werden, Liebende sollen einander finden auch wenn sie sich zwischendurch schon so gut wie verloren hatten. Selbst ein negatives Ende für den Protagonisten ist ein solches, denn es löst ebenfalls die aufgestaute Spannung. So weit so gut – sollte man denken. (weiterlesen…)

Warum man Texte veröffentlicht

Samstag, den 29. November 2008

Eine bestimmte Gruppe würde sagen, aus Eitelkeit. Aber das sind dieselben die in Blogs den Beginn vom Niedergangs des seriösen Journalismus’ sehen und für die Autoren, die ihre Bücher in Eigenregie veröffentlichen, welche sind, die so uninteressant oder so schlecht sind, daß sie bei keinem Verlag alter Schule unterkommen konnten.

Miesen Journalismus hat es schon immer gegeben und das Gebaren gewisser Gazetten des Boulevard-Journalismus zu unterbieten dürfte allein deshalb für den durchschnittlichen Blogger nahe unmöglich sein (weiterlesen…)

Von (scheinbaren) Tabubrüchen: Charlotte Roches »Feuchtgebiete«

Freitag, den 28. November 2008

Ich muß es zu geben, ich habe das Buch, das seit seiner Erscheinung wohl wie kaum ein zweites in der letzten Zeit die Medien – die Boulevardpresse wie das »seriöse«Feuilleton – beschäftigt, (noch) nicht gelesen. Deshalb hüte ich mich, ein Urteil über die literarischen Qualitäten zu fällen.

Nach den meist aufgeregten – besser aufgebauschten – Reaktionen, gewinnt man den Eindruck, daß die Autorin mitten hinein ins bürgerliche (Wespen-)Nest gestochen und Unaussprechliches zur Sprache gebracht hat. Doch was spricht sie wirklich an? Ein weiblicher Teenager liegt im Krankenhaus weil sie bei einer Intimrasur abgerutscht ist und äußert während ihrer Genesung offen und frei und in deutlicher Sprache ihre Gedanken über ihren Körper, ihre Sexualität. Also Dinge mit denen sich letztlich jeder jeden Tag beschäftigt. (weiterlesen…)