Ende gut. Gutes Ende?

von
Armin A. Alexander

In der Regel erwartet der Leser ein Ende das ihn zufrieden stellt. Die meisten würden spontan sagen, eines das eine Auflösung der aufgebauten Spannung bringt. Das klassische Happy End im weitesten Sinne wäre ohne diese Prämisse undenkbar. Bei einem Krimi soll der Täter am Ende überführt werden, Liebende sollen einander finden auch wenn sie sich zwischendurch schon so gut wie verloren hatten. Selbst ein negatives Ende für den Protagonisten ist ein solches, denn es löst ebenfalls die aufgestaute Spannung. So weit so gut – sollte man denken.

Nun gibt es aber Fälle – und die sind gar nicht mal so selten – in denen ein solch klassisches Ende nicht angebracht oder sogar enttäuschend wäre. Sei es, weil der Realismus der Geschichte es erfordert. Nicht immer muß der Täter in einem Krimi überführt werden; Stichwort »Höhere Gerechtigkeit«. Das Opfer war der wirkliche skrupellose Verbrecher, dem mit den üblichen Mitteln der Justiz nicht beizukommen war. Der Täter wurde durch den Zwang der Umstände dazu. Seine Überführung würde das Gerechtigkeitsempfinden verletzten. Dabei muß es sich bei den begangenen Verbrechen zwangsläufig nicht um Mord handeln. Eine Thematik die sich quer durch die Kriminalliteratur zieht.

Oder das offene Ende – eigentlich ein Widerspruch in sich. Man greift aus dem Leben der Protagonisten eine beliebige Zeitspanne heraus, steigt mitten in der Geschichte ein, begleitet die Protagonisten eine Zeitlang und verläßt sie dann wieder. Der Grund kann in einem konsequenten Naturlismus liegen – es gibt ja auch im wirklichen Leben keinen eindeutigen Anfang und kein eindeutiges Ende alles geht ineinanderüber. Jedes (scheinbare) Ende ist zugleich der Beginn von etwas (scheinbar) Neuem.

Oder man läßt das Ende »offen« um die Phantasie des Lesers anzuregen. Das kann ein scheinbares sein – im Verlauf der Handlung wurden Hinweise gegeben, die im Prinzip nur eine bestimmte Vermutung zu lassen – oder ein echtes.

Oder – und das ist ein besonderer Fall – man kann die Geschichte einfach nicht auflösen, muß dem Leser das Ende schlicht verweigern. Als ein prominentes Beispiel sei der »Arthur Gorden Pym« von Edgar Ellen Poe genannt. Der Held erlebt verschiedene Abenteuer, einschließlich Schiffbruch, bis er mit einer Expediton am Südpool landet. Poe erzählt in Form von Tagebuchaufzeichnungen. Doch bevor der Protagonist seinem Biographen von einer Begegnung mit einer außergewöhnlichen Erscheinung berichten kann, stirb er plötzlich. Poe wußte, daß der Spannungsbogen, den er im Verlauf der Handlung systematisch aufbaut, letztlich keine Aufklärung verträgt, da sie den Spannungsbogen ins Nichts zusammenfallen lassen würde, den Leser nur enttäuschen kann! Es gibt Handlungen, die in sich so kraftvoll sind, daß jede Auflösung sie im Nachhinein völlig entwerten würde.

Meiner Erzählung »Geheimnisvolles Rendezvous« wurde auch schon vorgeworfen, daß ich den Leser »im Regen stehen lasse«, weil ich die Identität der Unbekannten nicht lüfte. Kurz zur Erinnerung:

Ein Mann bekommt von einer unbekannten Frau ein Dutzend erotische Aquarelle, die ihn neugierig machen sollen, und eine Einladung zu einem Rendezvous in einer verdunkelten Wohnung. Sie tritt ihm immer mit einer seidenen Maske gegenüber, sie sprechen kein Wort miteinander. Er erliegt ihrer Faszination. Nach ihrem letzten Treffen dort – er weiß nicht, daß es das letzte ist – hört er nichts mehr von ihr. Nach einiger Zeit des vergeblichen Wartens sucht er die Wohnung auf, die renoviert wird und angeblich lange leer gestanden haben soll. Er ist tief enttäuscht, daß er seine schöne Unbekannte nicht mehr sehen soll. Mit dem Entschluß, die zu suchen, endet die Geschichte und die Indentität der Frau bleibt ungeklärt.

Dieses Thema besitzt bereits aus sich heraus einen zu kraftvollen Spannungsbogen, und jede Aufklärung – wer diese Frau ist und was ihre Motive sind – würde die Handlung unweigerlich in die Banalität des Alltags werfen. Die Faszination besteht ja gerade darin, daß die schöne Unbekannte eine solche bleibt.

Wie man sieht bestimmt die Handlung selbst das Ende, auch wenn es im allgemeinen Verständnis keines ist. Mit dem falschen Ende kann man eine sorgfältige Komposition sogar problemlos zerstören.

Noch eine Anmerkung zum »Arthur Gorden Pym«: Jules Verne hat in seinem Roman »Die Eissphinx« versucht an der Stelle anzuknüpfen, wo der »Arthur Gorden Pym« endet. Und kommt zu einem ganz eigenen Schluß. Man sieht: Das fehlende Ende des einen Werkes kann einen anderen zu einer eigenen Geschichte inspirieren.

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