Kurzes #2 – Der Streit

von
Armin A. Alexander

Er muß doch ein wenig eingeschlafen sein. Obwohl er es auf Grund seiner Aufregung nicht für möglich gehalten hätte. Ilianes grundlose Eifersucht würde noch einmal das Grab ihrer Beziehung werden. Diese gepaart mit ihrem Temperament, einer Heißblütigkeit wie man sie gemeinhin Südländerinnen zuschreibt, sorgte stets für handfeste Konflikte. Obwohl er es wußte und sich vornahm stets Ruhe zu bewahren, war es ihm diesmal nicht gelungen. Er hatte sich von ihr provozieren lassen und auf ihren wiederholten Vorwurf, er hätte mit Britta hemmungslos geflirtet, obwohl sie so gut wie er wußte, daß Britta erstens eine glückliche Beziehung hatte und zweitens nie auf die Idee käme irgend etwas mit einem anderen Mann, geschweige denn mit ihm anzufangen, geantwortet, daß sie sich nicht wie eine zurückgebliebene Fünfjährige aufführen solle. Erschwerend kam hinzu, daß er das, in ihren Augen, auf eine derart herablassende väterliche Art sagte, als spreche er ihr grundsätzlich jede Form geistiger Reife ab. Daraufhin hatte sie wutentbrannt die Wohnung verlassen.
Sich so plötzlich allein wiedergefunden, hatte er sich mehr über sich selbst und seine vorschnelle Aussage als über ihren Vorwurf bezüglich Britta geärgert, zumal er Ilianes Temperament ja zur Genüge kannte.
Erschöpft von diesem sinnlosen Streit hatte er sich im Arbeitszimmer auf das Sofa gelegt, um nachzudenken. Um Iliane selbst machte er sich keine Sorgen, sobald sie sich beruhigt hatte, würde sie schon wieder zurückkommen. Trotz ihres aufbrausenden Temperaments neigte sie nicht zu unüberlegten Handlungen.
Er konnte nicht sagen, was ihn geweckt hatte. Ein wenig steif vom Liegen stand er auf und verließ das Arbeitszimmer. Daß Iliane zurück war, sah er an ihrem Hausschlüssel, der wieder an seinem angestammten Platz lag. Er fand sie auf dem Balkon stehend, die Arme aufs Geländer aufgestützt, die Beine gekreuzt. Der leichte Abendwind strich durch ihre dunklen langen Locken. Der Rock war zerknittert als hätte sie darin geschlafen und ihr rechter Strumpf zierte eine Laufmasche.
Er betrachtete sie in Ruhe. Sie schien ihn noch nicht bemerkt zu haben. Sein Ärger über ihr Ungestüm war bei ihrem Anblick längst verflogen. Er empfand nur noch Wärme und Zärtlichkeit für sie. Eigentlich waren ihre Vorwürfe unerträglich. Aber gerade durch diese zeigte sie ihm deutlich, wie sehr sie an ihm hing. Es war verrückt, aber es schien als sei das die einzige Weise auf die sie ihm das zeigen konnte.
Leise trat er auf den Balkon. Sie mußte ihn bemerkt haben. Aber sie veränderte ihre Haltung nicht. Er trat dicht neben sie, stützte sich ebenfalls auf das Geländer auf. Sie sahen beide eine Weile schweigend geradeaus als stünde jeder allein hier ohne den anderen. Dann lehnte sie plötzlich den Kopf an seine Schulter. Er legte beruhigend den Arm um ihre Taille.
Es schien als hätte es diesen Streit zwischen ihnen nie gegeben.

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