Kurzes #3 – Der Schneesturm

von
Armin A. Alexander

Seit dem Morgen war der Himmel mit vom Schnee überquellenden Wolken bedeckt. Seit fast einer Woche hatte das Thermometer selbst tagsüber nur mit Mühe die Minuszweigradmarke erreicht. Nachts sank es nicht selten bis unter die Minuszehngradmarke. Mit dem Einsetzen der Dämmerung fielen die ersten noch vereinzelten Flocken.
„Ich bringe dich besser schon jetzt zum Bahnhof“, sagte Marlies zu ihm.
Er nickte. Eigentlich hatte er vorgehabt erst am späten Abend zurückzufahren. Aber der Wetterbericht hatte Schneetreiben angekündigt. Und wer weiß ob sie dann noch ins Tal fahren konnten.
Während der Fahrt in den Ort hinunter wurde der Schneefall stärker. Schnell legte sich eine dünne langsam aber stetig wachsende weiße Schicht über das Land.
Marlies, die ihren Geländewagen sonst eher forsch die in leichten Serpentinen verlaufende breite Straße hinunter lenkte, fuhr jetzt umsichtiger.
Als sie den Ort erreichten, hatte sich der Schneefall fast schon zu einem kleinen Schneetreiben ausgewachsen.
Marlies parkte auf dem Bahnhofsvorplatz.
Im Bahnhof erfuhren sie, daß einige Kilometer oberhalb des Ortes, wo das Schneetreiben bereits am frühen Nachmittag eingesetzt hatte, ein alter Baum durch die Last des gefallenen Schnees auf das Gleis gestürzt war und die Oberleitung beschädigt hatte. Weshalb der achtzehn Uhr Zug aus der Kreisstadt ausfiel. Eine Möglichkeit bestand, daß der Zug aus der Gegenrichtung von hier aus gleich wieder zurück fuhr. Allerdings wurde dieser erst in etwa eineinhalb Stunden erwartet.
Mit einem Achselzucken gingen Marlies und er in das kleine Bahnhofscafé und wählten einen Tisch am Fenster, das auf den Bahnhofsvorplatz hinaussah. Seine Abreise schien sich doch noch zum späten Abend hin zu verschieben, was ihm gar nicht ungelegen kam.
Der Schneefall wurde immer heftiger und durch das Fenster konnten sie sehen, wie der Bahnhofsvorplatz und der Ort bereits unter einer weißen dichten Decke zu verschwinden begann.
Als sie sich einen weiteren Kaffee bestellten erfuhren sie, daß auch aus der anderen Richtung vorerst kein Zug den Ort erreichen würde, die Oberleitung war abschnittsweise derart vereist, daß ein Weiterfahren vorerst nicht möglich war, zudem befürchtete man Schneeverwehungen.
„Dann verlängert sich dein Aufenthalt offenbar noch etwas“, meinte Marlies, was ihr alles andere als unangenehm zu sein schien.
Sie tranken ihren Kaffee aus und bezahlten.
Draußen lag bereits alles unter einer dichten Schneedecke. Alle Geräusche waren gedämpft. Der Schnee fiel dicht.
„Wir nehmen uns am besten im Ort ein Zimmer für die Nacht“, sagte Marlies. „Ich habe zwar Schneeketten im Wagen. Aber solange es derart heftig schneit, ist es zu gefährlich. Man kann leicht von der Straße abkommen.“
Er nickte, schließlich kannte sie sich hier bestens aus. Er nahm seine Reisetasche und sie stapften durch den Schnee zu einem kleinen Hotel unweit des Bahnhofs.
Der Ausfall der Züge zwang nicht nur ihn im Ort zu bleiben. Aber sie hatten Glück. Ein Zimmer war noch frei.
Während der Nacht fiel der Schnee mit weiterhin unverminderter Heftigkeit und begann erst zum Morgen hin langsam nachzulassen. Als die Sonne im Osten aufging fielen nur noch vereinzelte Flocken, es zeigten sich bereits einzelne blaßblaue Flecken zwischen den Wolken, bald brach die Sonne durch und beleuchtete eine idyllische Winterlandschaft.
Erst im Laufe des Nachmittags würde die Bahnstrecke wieder einigermaßen befahrbar sein. Da er ohnehin keine wichtigen Termine bis zum Ende der Woche hatte, beschloß er nicht zuletzt auf Grund der zurückliegenden Nacht noch ein paar Tage zu bleiben.

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