Kurzes #7 – Begegnung auf dem Friedhof

von
Armin A. Alexander

Folgende Schilderung einer Begegnung auf dem Friedhof einer Kleinstadt ist ein Abschnitt aus einer neuen, sich noch mitten in der Bearbeitung befindenden Erzählung mit dem Arbeitstitel »Adalberts Erbe«, in der es um ein altes Haus, das Teil einer Erbschaft ist und der Tatsache geht, daß einer der beiden Erben, aus dessen Sicht erzählt wird, vorerst nicht weiß, wer mit ihm erbt.


Die Schatten waren beträchtlich länger und durchsichtiger geworden. Er mußte auf dem Stuhl eingenickt sein. Ihm fiel ein, daß er auf jeden Fall noch zum Friedhof gehen wollte, dem Grab seines Patenonkels einen Besuch abstatten. Eilig räumte er das Geschirr in die Küche. Tisch und Stühle ließ er stehen wo sie waren. Er holte die etwas ungelenke Skizze, die ihm der alte Notar von der Lage des Grabes gegeben hatte, aus einer mitgebrachten Mappe mit diversen Schriftstücken. Vermutlich hätte er das Grab nach einigem Suchen auch ohne diese Skizze gefunden, allzu groß war der alte Friedhof ja nicht, wenn auch in die Länge gezogen.
Sorgfältig schloß er das Haus ab, trat durch das Tor auf die Straßen hinaus und ging gemächlichen Schrittes zum Friedhof, der kaum zehn Minuten Fußweg entfernt lag.
Auf gelegentlichen Spaziergängen mit seinem Patenonkel war er am Friedhof oft vorbeigekommen. Aus der halb im Scherz gemachten Bemerkung seines Patenonkels, eines Tages würde er ihn dort besuchen, war nun Tatsache geworden war. Die halbhohe Mauer aus roten Ziegeln, die den Friedhof umfriedete, die kleine aus denselben Ziegeln erbaute mit bunten Glasfenstern versehene Kapelle, die akkurat angelegten gepflegten Kieswege, hatten auf ihn schon immer wie Zeugen der Ewigkeit gewirkt, als hätten sie immer hier gestanden und würden bis zum Ende aller Zeiten hier stehen.
Er trat durch das offenstehende Tor, ging an der Tafel mit den Öffnungszeiten und Winterpflegehinweisen nebst einer Kurzfassung der Friedhofsordnung achtlos vorbei und holte die Skizze aus seiner Tasche. Nach dieser müßte er die Kapelle rechter Hand liegen lassen und den Hauptweg ein ganzes Stück geradeaus gehen. Dieser war schnurgerade angelegt und man konnte ohne Mühe bis zum gegenüberliegenden Tor sehen, durch das man auf einen asphaltierten breiten Feldweg kam. Nach etwa siebzig Metern mußte er sich links halten, dann ein Stück geradeaus und erneut links. Er steckte die Skizze wieder in die Tasche und hob den Blick.
Hatte er zuvor beim kurzen Blick den Hauptweg entlang niemanden gesehen, so schrak er fast zusammen, da ihm in vielleicht zwanzig Metern Entfernung eine junge Frau entgegenkam, die den Weg mit ruhigen gemessenen Schritten, was nicht an ihren hohen Absätzen lag, entlang ging, die Hände in den Taschen ihrer langen dunklen Lederjacke vergraben. Sie fiel ihm nicht nur auf, weil sie groß gewachsen war und eine ansprechende Silhouette besaß, sondern einfach zu damenhaft elegant für diesen kleinen Ort wirkte. Zur Lederjacke, deren Gürtel sie so fest geschnürt hatte, daß ihre schmale Taille betont wurde, trug sie einen dunklen, scheinbar schlicht geschnittenen Rock gleicher Farbe aus hochwertigen Stoff, helle Strümpfe und hochhackige gepflegte Schuhe aus feinem braunem Leder. Lockiges langes rotbraunes Haar umrahmte ein traurig dreinblickendes hübsches dezent geschminktes Gesicht. Ihre Augen wurden von einer sehr dunklen Sonnenbrille verdeckt. Scheinbar nur geradeaussehend, den Blick mehr auf den Weg vor sich gerichtet als ihre Umgebung wahrnehmend schritt sie an ihm vorbei. Wobei ihm für einen Moment ihr dezentes fruchtiges Parfum in die Nase wehte. Diese Duftnote war ihm unbekannt. Er konnte sich des Eindrucks jedoch nicht erwehren, daß es alles andere als zu den preiswerten zählte.
Kaum war sie an ihm vorbeigeschritten, blieb er einen Augenblick stehen und sah ihr nach. Sie ging zielstrebig auf den Ausgang zu. Irgend etwas an dieser Frau war eigenartig ohne daß er hätte sagen können warum. Und es lag eindeutig nicht allein an ihrer Erscheinung. Aus dem Ort war sie auf keinen Fall, es gab hier so gut wie keine Bewohner, die sich eine so offenkundig teure Garderobe hätten leisten können oder auch wollten. Sie repräsentierte vom Scheitel bis zur Sohle die Städterin.
Als sie durch das Tor getreten war, sich nach rechts gewandt hatte und somit aus seinem Blickfeld verschwunden war, ging er weiter. Er folgte der Skizze und mußte – wie nicht anders erwartet – ein wenig suchen, worüber er die Begegnung mit der schönen Unbekannten vergaß.
Lange stand er vor dem Grab seines Patenonkels. Die Sonne stand bereits tief über dem Horizent, Myriaden von Insekten schwirrten in den letzten Strahlen, die Schatten waren schwach und sehr lang geworden. Ein leichter Wind trug vom angrenzenden Wald Tannenduft herüber. Die meisten der bereits verwelkten Kränze war entfernt worden. Darüber daß eine Vase mit frischen Blumen und ein Grablicht, das ebenfalls noch nicht lange brennen konnte mitten auf dem Grab stand, machte er sich keine Gedanken. Sein Patenonkel besaß genug Freunde und Bekannte im Ort, die dafür verantwortlich sein konnten. Morgen vormittag würde er als erstes einen Kranz in der Gärtnerei unweit des Friedhofs bestellen.

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