Kurzes #63 – »bloß gestellt«

von
Armin A. Alexander

Die Fortsetzung von »Ein »blinde date« im Wortsinn« und »Der unbekannte nächtliche Anrufer«

 

Am Abend hätte es Simon viel mehr überrascht, hätte das Telefon nicht pünktlich um Mitternacht geläutet.

»Ich muß dich loben«, erscholl die vertraute Stimme ohne Gruß, »obwohl ich nichts anderes von dir erwartet habe, als daß du soviel Disziplin besitzt, meinen Anweisungen bedingungslos Folge zu leisten.«

»Und wenn ich nicht so diszipliniert gewesen wäre«, fragte er und versuchte den Kloß im Hals, der sich einstellte, weil er die Antwort schon vor der Frage kannte, sie nicht hören zu lassen.

»Ich bin überzeugt, daß du die Antwort bereits weißt«, entgegnete sie und er glaubte zu sehen, wie ein diabolisches Lächeln ihre Lippen umspielte.

»Naja, es gibt auch nur eine mögliche Antwort«, versuchte er nonchalant zu klingen, war sich aber sicher, daß ihm das nur unzureichend gelang.

»Darum sehe ich deine Frage auch als rein rhetorische an. Wie gesagt, ich war mir ziemlich sicher, daß du nicht den Versuch machen würdest, dich umzudrehen. Ich kenne dich mittlerweile besser als du dir vorstellen kannst.«

»Klar, wir haben in der letzten Zeit ja häufig miteinander gesprochen«, meinte er leger.

Ihr tiefes unverhohlenes Auflachen irritierte ihn.

»Von einem Mann deiner Intelligenz hätte ich eine andere Antwort erwartet. Glaubst du, ich hätte nicht schon vieles von dir gewußt, bevor ich dich das erste Mal anrief? Meinst du, ich hätte mich mit einem vollkommen Fremden eingelassen? Nein, unsere Gespräche sollten mir nur meine Recherchen, meine Einschätzung bestätigen und vor allem dich neugierig machen.«

»Wenn du mich schon vorher so gut kanntest, kenne ich dich vielleicht auch?« fragte er fast schon zaghaft und aus dem Wunsch heraus, der aus der Verwirrung entsteht, wenigstens auf irgendeine wie auch immer geartete Weise einen Anhaltspunkt zu finden, der zur Klärung dienen könnte.

»Wenn ich sage, daß ich dich bereits vorher gut kannte, impliziert das nicht automatisch, daß du mich auch kennen mußt. Nein, du kennst mich nicht. Du kannst mir glauben, daß wir uns heute nachmittag in diesem Zimmer zum ersten Mal physisch begegnet sind. – Doch genug. Es war für uns beide ein aufregender Tag. Du findest dich übermorgen um dieselbe Zeit wieder in dem Zimmer ein. Du sitzt wieder auf dem Stuhl mit dem Gesicht zum Fenster. Mit dem einem Unterschied; du bist diesmal nackt. Und die Arme läßt du seitlich herunterhängen.«

»Nackt?« fragte er, aber nicht weil er glaubte, sich verhört zu haben, sondern weil er versuchte, sich vorzustellen, was sie vorhaben könnte. Mit Sicherheit würde sie diesmal nicht bloß eine Stunde regungslos hinter ihm stehen.

»Ich weiß, daß du verstanden hast. Deine Frage ist also überflüssig«, obwohl ganz ruhig ausgesprochen, schwang in den Worten eine große Strenge und ein kräftiger Tadel mit.

Er entschied sich, zu schweigen.

»Wenn das Wetter es zuläßt, kannst du dich ja wieder auf die Bank unter der großen Buche setzen, bevor du ins Hotel gehst, oder machst einen kleinen Rundgang. Der Park ist wirklich sehr schön.« Sie hängte ab, bevor er darauf reagieren konnte.

Sein Gefühl hatte ihn nicht betrogen. Er war beobachtet worden. Aber von wo aus? Von wem? Er hatte niemanden erkennen können, der nur annähernd infrage kam.

Diese Nacht schlief er unruhig. Immer wieder saß er auf dem Stuhl im Zimmer. Doch blieb die Schöne diesmal nicht hinter ihm stehen, sondern trat vor ihn, ging um ihn herum. Aber ihr Gesicht blieb immer im Dunkel, ließ sich nicht fassen. Überhaupt sah er nur Silhouetten von Frauen, die er alle zu kennen schien, von denen er aber keine wirklich identifizieren konnte.

Die ins Schlafzimmer flutende Morgensonne weckte ihn. Obwohl er seine üblichen acht Stunden geschlafen hatte, fühlte er sich unausgeruht, als wäre er übernächtigt zu Bett gegangen und nach wenigen Stunden Schlaf schon wieder aufgeschreckt ohne erneut einschlafen zu können.

Am fraglichen Tag war der Himmel nicht mehr wolkenlos wie vor zwei Tagen. Aber das nahm er nur am Rande wahr. Fast minutiös wiederholte er den Ablauf; setzte sich auf die Bank, die ihm schon vertraut erschien, ließ die Blicke umherwandern. Hatte er seinerzeit nur geglaubt, er würde beobachtet, so war es für ihn jetzt Gewißheit. Aber auch diesmal konnte er niemanden entdecken, der infrage kam. Obwohl – die große elegante Brünette dort hinten. Aber andererseits – nein, die war es nicht und SIE würde sich sicher nicht so zeigen, daß er sie sofort entdeckte.

Er sah auf die Uhr. Es war Zeit für den Rundgang. Er kreuzte den Weg der Brünetten. An jedem anderen Tag hätte er ihr zumindest ein Lächeln geschenkt, war sie doch der Typ, den er bevorzugte, aber er nahm sie kaum zur Kenntnis.

Der Portier reichte ihm beim Eintreten wortlos den Schlüssel, wie einem langjährigen Stammgast, der selbst schon Teil des Hauses geworden war.

Wie selbstverständlich schloß er die Zimmertür auf, steckte den Schlüssel von innen ins Schloß. Die Vorhänge waren zugezogen, Licht fiel unter der Verbindungstür hervor. Ihm war, als hätte er das Zimmer lediglich für einige Minuten verlassen.

Er stellte den Stuhl an seinen Platz und zog sich ohne weiter zu überlegen aus, legte die Sachen ordentlich über einen der beiden anderen Stühle. Er setzte sich aufrecht auf den Stuhl, die Beine zusammen, die Arme seitlich locker herunterhängend.

Erst jetzt erfaßte ihn diese gewisse Nervosität wieder. Einfach auf dem Stuhl hier zu sitzen, war eine Sache, dasselbe nackt zu tun, eine ganz andere. Zumal seine Nacktheit ja eine zweifache war. Einmal seine physische und dann der Umstand, daß sie ihn ja gut kannte, während er eigentlich so gut wie nichts von ihr wußte. Nicht einmal den Namen, geschweige denn ihr Alter, ihr Äußeres. Einzig, daß sie eine gebildete und kultivierte Frau war, war gewiß, das hatte sich aus ihrer Art sich zu äußern, ihren Gesprächen ergeben.

Diesmal schien sie ihn nicht so lange warten zu lassen, oder es kam ihm lediglich kürzer vor. Und wieder öffnete sich die Verbindungstür fast lautlos, fühlte er, wie ihr Duft langsam zu ihm strömte. Wie vertraut ihm ihr Parfum bereits war. Wieder verharrte sie ein paar Minuten, ehe sie sich ihm von hinten näherte. Heute jedoch mußte er sich nicht beherrschen, damit er sich nicht umdrehte. Heute dachte er nicht einen Moment daran, den Kopf zu wenden, in ihre Richtung zu sehen.

Für den Moment durchzuckte ihn der Gedanke, ob sie am Ende auch nackt sei, wie ein elektrischer Schlag. Zugleich erschien ihm die Vorstellung aber auch unwahrscheinlich, ohne daß er den Grund dafür hätte nennen können.

Sie war wieder hinter ihm. Er spürte ihre Wärme, ihren Atem. Und wußte sofort, daß sie nicht nackt war.

Er fühlte sich ein wenig schutzlos, ausgeliefert, nackt in mehrfacher Hinsicht.

Bevor er die Überlegung anstellen konnte, ob sie auch heute wieder nur hinter ihm stehenbleiben würde, sah er schon das schwarze Tuch dicht vor dem Gesicht und im nächsten Moment spürte er die kühle Seide an den Augen, wie sie es mit einem strammen Konten im Nacken befestigte. Er war des Sehsinns vorübergehend beraubt. Sie hatte ihm das Tuch so geschickt umgebunden, daß er keinerlei Möglichkeit hatte, irgendwie unten hindurch zu blicken. Er sah tatsächlich nichts.

Als Nächstes spürte er ihren warmen Atem am Hals und kurz darauf ihre Zähne auf der Haut. Ob mit Absicht oder zufällig, sie berührte die Stelle, unter der die Schlagader floß. Sie grub ihm die Zähne langsam und fest in die Haut.

Natürlich war es absurd, aber er konnte den Gedanken nicht ignorieren, daß sie nur mit ganzer Kraft zubeißen mußte, um ihm ins Jenseits zu befördern. Die Vorstellung, daß sein warmes Blut sich in ihren Mund ergoß, jagte ihm einen gruseligen aber nicht wirklich unangenehmen Schauer über den Rücken.

Ihr Biß war ein ganz normaler Liebesbiß, wie er schon etliche bekommen und selbst ausgeteilt hatte. Er tat zwar etwas weh, würde auch einige Zeitlang als sogenannter Knutschfleck sichtbar bleiben, war aber absolut harmlos.

Sie biß ihn kurzerhand noch zweimal und er rührte sich nicht, verzog nicht einmal eine Miene.

Sie richtete sich wieder auf. Mit sichtlicher Zufriedenheit, wie er spürte. Weil er nichts sehen konnte, konzentrierte er sich automatisch auf die übrigen Sinne. Daß man mit geschlossenen Augen viel besser hört, erfuhr er nicht zum ersten Mal. Er hörte leise ihre Kleidung rascheln, während sie sich bewegte.

Sie beugte sich von hinten über ihn. Er spürte, wie sie ihm die Nägel auf Bauchhöhe in die Haut drückte und sie langsam den Körper hinaufzog. Es war ein angenehmes Gefühl. Mit etwas mehr Nachdruck hätte sie blutige Striemen darauf hinterlassen. Unmittelbar unterhalb der Brustwarzen löste sie den Druck, was ihn leicht enttäuschte.

Er hörte, wie sie um ihn herumging und vor ihm stehen blieb. Nahm er es jetzt so deutlich wahr, weil sie ihre Vorsicht abgelegt hatte oder weil das Gehör durch die verbundenen Augen geschärft war?

Sie befanden sich nun von Angesicht zu Angesicht gegenüber und er sah nichts.

Zuerst glaubte er, sie würde nur vor ihm stehen bleiben, denn eine Weile geschah nichts. Doch dann setzte sie sich ihm rittlings auf den Schoß und legte ihm die Hände locker auf die Schultern.

Im ersten Augenblick strömten soviel Eindrücke gleichzeitig auf ihn ein, daß er kaum in der Lage war, sie zu ordnen, zu sagen, was ihm als erstes aufgefallen war.

Jedenfalls war sie keine kleine zierliche Person, aber das hatte er ohnehin nie ernsthaft angenommen. Ihre Brüste berührten ihn leicht. Dem Empfinden nach war ihre Bluse aus Seide. Der Stelle nach, wo sie ihn berührten, mußte sie relativ groß sein, was auch mit dem Gewicht, das er spürte, übereinstimmte. Sie war eher schlank als kräftig. Sie hatte die Beine nach hinten angewinkelt. Sie trug eine enge Hose aus weichem Leder und vermutlich hohe Absätze. Ihre Hände waren schlank und die Nägel mittellang. Er spürte einzelne Haare im Gesicht. Es sprach also viel dafür, daß diese lang waren.

Es dauerte eine Weile, bis er bemerkte, daß er bereits bevor sie sich ihm auf den Schoß gesetzt, eine ansehnliche Erektion bekommen hatte und sie, ob beabsichtigt oder nicht, so auf ihm saß, daß diese gegen ihr Schambein drückte, lediglich weiches Leder dazwischen.

Im ersten Moment war ihm das zutiefst peinlich, doch sofort schalt er sich einen Narren. Ein lustlos und schlaff herabhängendes Etwas wäre ein Grund zur Peinlichkeit, denn das hätte SIE überraschen müssen.

So wie er unbeweglich auf dem Stuhl saß, saß sie ihm auf dem Schoß. So schön das anfangs auch war, mit der Zeit wurde es unbequem. Der Stuhl war ungepolstert. Und nach einer gewissen Zeit wird auch eine zarte Elfe zur ganz profanen körperlichen Last. Und doch wünschte er, sie möge noch lange so sitzen bleiben. Seine Erektion war um keinen Deut abgeklungen, im Gegenteil.

Bevor es für ihn wirklich schmerzhaft wurde, stand sie auf. Sie blieb breitbeinig über ihm stehen, er spürte ihre Beine an den Schenkeln. Plötzlich griff sie ihm fest in den Nackten, beugte ihm den Kopf nach hinten, so daß es schmerzte. Im nächsten Moment spürte er ihre weichen Lippen auf seinen und ihre Zunge im Mund. Sie gab ihm einen relativ kurzen aber intensiven Kuß, der ihm nicht nur sprichwörtlich den Atem raubte.

Sie ließ seinen Kopf los und ging leise aber festen Schrittes ins andere Zimmer. Nachdem er das Kratzen des Schlüssels im Schloß vernommen hatte, nahm er das Seidentuch von den Augen. Es war nicht leicht gewesen, den Knoten zu öffnen. Die Augen hatten solange kein Licht mitbekommen, daß er trotz des ihn umgebenden Halbdunkels blinzeln mußte und ein wenig Zeit benötigte, bis er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte.

Er sah an sich hinunter. Ihre Nägel hatten sichtbare Rötungen hinterlassen und ein Blick in den Spiegel über dem Waschbecken zeigte ihm die langsam sichtbar werdenden Spuren ihrer Liebesbisse, die er wie Trophäen betrachtete.

Er setzte sich wieder auf den Stuhl, doch nicht, weil er unschlüssig war, was weiter zu tun sei, sondern weil die verdammte Erektion nicht so einfach abklingen wollte. Und mit ihr war es eben nicht leicht in die Hosen zu kommen.

Doch bekanntlich ist nichts von Dauer, auch wenn man es manchmal kaum glauben mag. Und wenig später stand er wieder vor dem Hotel in der Nachmittagssonne, das schwarze Seidentuch fest in der Hand haltend.

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